Rezension des Romans „Todesmarsch“

Meine Damen und Herren zuallererst möchte ich Ihnen einen Frage stellen:
Wie viele Schritte sind Sie heute schon gelaufen? 100 Schritte? Oder 200? Sind Sie heute vielleicht schon Joggen gewesen?

Oder sind Sie schon einmal von Ihren Eltern oder Freunden zu einer langen Wanderung gezwungen wurden, bei der Sie am Ende doch sehr stolz auf sich waren so viel gegangen zu sein?

Nun die Jungs aus diesem Buch sind sehr viel mehr gegangen, aber am Ende haben sie keinen Stolz empfunden, denn bis auf einen sind sie sind alle gestorben.

Damit habe ich Ihnen nicht schon die ganze Geschichte vorweg genommen, denn von Anfang an läuft die Geschichte unweigerlich auf dieses Ende hinaus. Sie gehen. Gehen Tag und Nacht bei Wind und Wetter und der Marsch ist Ihr Tod.

Das Buch was ich Ihnen heute vorstellen möchte heißt „Todesmarsch“, ein Roman von Richard Bachmann, ein Pseudonym des US-amerikanischen Schriftstellers Stephen King.

Erstmals veröffentlicht durch den NAL-Verlag im Jahre 1979, ins Deutsche übersetzt von Nora Jensen und veröffentlicht durch den Heyne Verlag 1987.

Der Roman behandelt einen amerikanischen Militärstaat, in dem es Tradition ist, dass jedes Jahr am 1. Mai Hundert 16-21 Jährige zu einem Todesmarsch aufbrechen. Die Regeln lauten, dass jeder Läufer, der viermal in Folge unter vier Meilen die Stunde Schrittgeschwindigkeit läuft, unverzüglich erschossen wird.

Erzählt wird die Geschichte durch das Leben des Protagonisten Garraty Raymond Davis, ein 16jähriger Jugendlicher aus Pownal in Maine. Dem Leser werden die Gedanken und Gefühle von Ray, so wird er von seinen Mitläufern genannt, aus der Sicht eines personalen Erzählers mitgeteilt.

Am Anfang erfährt man, dass Ray eine Mutter, Mrs. Garraty  und eine Freundin mit dem Namen Janice hat.

Insgesamt beschreibt Stephen King den Marsch in hypotaktischen Sätzen, ohne aber dass der Leser den Überblick verliert und den Text flüssig herunterlesen kann. Es wirkt, als ob er das Buch mit einer Leichtigkeit niedergeschrieben hätte wie man es nur von Märchen kennt. Diese Welt beherrscht von irrwahnsinnigem Patriotismus, Stolz und der stechenden Grausamkeit wird einem ganz sachte ins Ohr geflüstert wie eine Gute-Nacht-Geschichte für Kinder.

Zu Beginn des Ereignisses freundet sich Ray mit einigen Teilnehmern des Marsches an , die den weiteren Verlauf der Geschichte begleiten. Alle Läufer empfinden anfangs den Marsch als spaßigen Wettlauf, wobei bei manchen auch immer wieder Angst und Unruhe zu vernehmen ist. Jeder möchte den Marsch gewinnen und wie versprochen den lebenslangen Luxus als Gewinnerpreis in den Händen halten.

Die Geschichte beginnt ruhig und gelassen, die Erwartungsfreude ist sehr groß und dem Ende wird entgegengefiebert. Es werden Späße gemacht, Freundschaften geschlossen und sogar über den ersten Gefallenen wird kein Wort verloren. Jeder ist froh, dass es einer weniger ist. Nur noch 99 Läufer. Allgemein ist die Geschichte sehr ruhig und plätschert dahin wie ein kleiner Bach. Die Stromschnellen und Kurven bemerkt man zuerst gar nicht. Sie sind nur am Rande des Sichtfeldes erkennbar, genauso wie die ersten Toten und die Paradoxien in dem Roman.

Die Läufer sehen die Verletzten und Schwachen, hören die Schüsse, steigen einfach so über den Leichnam eines anderen hinweg und trotz dieser Grausamkeiten bemerken sie nicht die Realität.

Alle Teilnehmer sind, wie der Begriff sagt, ein Teil dieses Marsches, benehmen sich aber wie teilnahmslos.  

Keiner schreckt auf und fragt sich was er dort macht. Genau das Gegenteil geschieht, indem diese dystopische Welt von all den Zuschauern, die am Wegesrande stehen, den Marsch zu einem Volksfest machen und den Läufern zujubeln. Erst im Laufe der Geschichte realisieren Ray und die anderen Teilnehmer was der Marsch wirklich für sie bedeutet. Die Läufer erkennen erst mit der Zeit den Käfig, in dem sie gefangen sind und ganz langsam im Hintergrund, kaum bemerkbar für Leser und Figur, schleicht sich der Wahnsinn in die Köpfe der Teilnehmer. Durch den Zustand den gesamten Lauf über dem Tode ausgesetzt zu sein und nur noch der Überlebensinstinkt die Füße immer wieder voreinander setzt, werden einige Läufer wahnsinnig: (S.318, Z.12-29). Der Leser bangt und fiebert mit den Figuren, während ihnen jede Würde genommen wird. Stück für Stück.

Alles was Ray noch hat sind entweder seine Freundin Janice oder sein bester Freund des Marsches Peter McVries.  Ray möchte seine Freundin unbedingt wiedersehen und mit McVries  spaßt er die ganze Zeit herum und lenkt sich so von dem Marsch ab. Allerdings ist McVries nicht nur eine Ablenkung sonder auch sein einziger Helfer, der Ray im Laufe des Marsches mehrere Male das Leben rettet, indem er Ray kurz vor dem Todesschuss zum Laufen bringt. Er steht für die Hoffnung und das Gute in dieser Welt, dass es auch Lichtblicke in dieser Dystopie gibt.

Die Spannung und der Ernst der Geschichte spitzt sich immer weiter zu wie ein Eisberg, dessen Spitze ausschließlich zu sehen ist und das wahre Ausmaß der Katastrophe kommt auf einmal gewaltig und unaufhaltsam.  Nach einem Drittel des Buches ändert sich die Gefühlslage drastisch, von zuerst noch frischer Euphorie zu düsterer Erkenntnis. Der Frust der Läufer, in dieser misslichen Lage zu sein, kommt immer wieder zum Ausbruch gegen die Soldaten, die die Läufer ständig auf ihren Militärautos überwachen, die Geschwindigkeit der Läufer messen, Verwarnungen ausrufen und die Jungen erschießen.

Die kurzen Augenblicke, die anfangs durch die brutale Realität geprägt waren, wandeln sich nun zu Fluchtwegen. Stephen King lässt die Figuren aberwitzige und komische Geschichten erzählen, dass sogar der Leser für einen kurzen Moment  die Grausamkeit vergisst.  Sie sind nur noch als Ablenkung gegen die Schmerzen gedacht. Ein Fluchtweg um die gefallenen Läufer und den nie endenden Marsch zu vergessen.

Auch hier taucht wieder eine Paradoxie auf. Während der Leser immer weiter in die Geschichte eintaucht, entfernen sich die Charaktere immer mehr von den Geschehnissen, „Unsere Kandidaten befinden sich jetzt  in Ihren schalldichten Kabinen“ (S.127). Die Läufer flüchten in ihre Gedanken und versuchen die Schmerzen und Leiden auszublenden. Gefangen in ihren eignen Gedanken unfähig noch auf irgendeine Weise die Umwelt wahrzunehmen. Meist spricht dann nur noch der Hass aus ihnen heraus, der sich gegen die jubelnde Menge oder die Soldaten richtet( S.247).

Insgesamt ist der Roman nur zu loben.

Stephen King leitet den Leser sicher und gekonnt durch die Geschichte und bringt einem die dahinter steckende Gesellschaftskritik nahe. Immer wieder sind es einfach nur die Menschen, die Grausames hervorrufen und es weiterführen. Sich nicht dagegen stellen und die Wahrheit erkennen sondern mit der Masse mitlaufen und Autoritätspersonen blind hinterherlaufen und allem glauben, was sie sagen.

Nur wir selber sind für unser Schicksal und das unserer Umwelt verantwortlich. 

Wir müssen es nur realisieren und dann auch handeln.

Eure Dana

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