„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ von Lauren Oliver

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“. So lautet der Titel des Debütromans von Lauren Oliver, der wohl sofort sehr prägend für den ersten Eindruck scheint. Aber, bei Sam war es nicht so, wie dem Leser direkt mit dem ersten Satz des Prologs mitgeteilt wird, was die Erwartungen vom Roman erstmal wieder grundlegend zerstört. Sam- eigentlich Samantha Emily Kingston- ist die Protagonistin des Jugendromans. Ein ganz normales siebzehnjähriges Mädchen. Etwas gemeiner vielleicht-vielleicht aber eben auch nicht…

Die Handlung beginnt damit, dass Sam am Morgen des 12. Februar aufwacht. Es ist Valentinstag, ihr Lieblingstag, auf den sie sich immer freut. An diesem Tag haben sie und ihre drei Freundinnen Lindsay, Elody und Ally besondere Rituale, die ihr jedes Mal vor Augen führen, was für ein Glück sie mit ihren Freundinnen hat. Außerdem werden in der Schule die obligatorischen Rosen mit einer Nachricht des Absenders verteilt, was immer ein absolutes Highlight und je nach Anzahl ein Statussymbol für alle darstellt. Zunächst wird sie jedoch, wie immer, nach einer flüchtigen Verabschiedung von ihrer Familie von ihrer besten Freundin Lindsay mit deren Auto abgeholt und sie sammeln nacheinander die anderen zwei Cliquenmitglieder ein, worauf es im Anschluss zur Schule geht. Mit besagten Rosen werden die vier beliebten Freundinnen alle reichlich gesegnet.

Andere hingegen haben weniger Glück mit den Rosen, wie auch Juliet Sykes, mit deren erstem Erscheinen dem Leser sofort die schulischen Hierarchien vorgeführt werden. Juliet ist im Gegensatz zu den vier Freundinnen, die zu den angesagtesten Jugendlichen der Schule gehören, eine unbeliebte Außenseiterin, die von ihren Mitschülern aufs Äußerste gemobbt wird. Allen voran Lindsay, wobei die anderen drei ihr aber kaum nachstehen.

Sam bekommt unter anderem auch eine Rose von ihrem Freund Rob. Seine Nachricht ist für sie allerdings wenig liebevoll und zufriedenstellend, vor allem im Hinblick darauf, dass für die bevorstehende Nacht Sams erstes Mal geplant ist, da Robs Eltern verreist sind und sie ihn bereits lange damit hat warten lassen. Im weiteren Verlauf des Tages bereiten die vier sich auf die Party vor, die am selben Abend bei Kent, einem längst vergessenen Freund von Sam aus Kindertagen, stattfinden soll. Auf der Party beschließt Sam schließlich, dass es mit ihrem Vorhaben wohl doch nichts werden soll, weil Rob ihr zu betrunken ist. Später taucht dort uneingeladen und zur Überraschung aller noch Juliet auf, was wiederum zu intensiven Erniedrigungen führt, sodass diese bald verschwindet. Kurz darauf verlassen auch Sam und ihre Freundinnen die Party, um nach Hause zu fahren. Doch auf dem Rückweg kommt es plötzlich zu einem heftigen Autounfall. Am folgenden Morgen wacht Sam allerdings unveränderter Dinge auf und muss feststellen, dass es wieder der 12. Februar ist und ihr Tag genauso zu verlaufen beginnt, wie der Vorherige.

Im folgenden Verlauf der Handlung wacht Sam dann noch sechs weitere Male an ebendiesem Morgen auf.

Dass sie in einer Art Zeitschleife gefangen ist wird ihr ziemlich schnell klar und lässt sie verständlicherweise zunächst ziemlich verzweifeln. Als Leser könnte man sich zu Recht fragen, ob es nicht irgendwann langweilig wird, immer wieder den gleichen Tagesablauf lesen zu müssen. Und um ehrlich zu sein, zu Beginn braucht man tatsächlich etwas, bis man sich in die Geschichte einfinden kann. Das liegt aber auch daran, dass das Verhalten der Hauptcharaktere oft nicht gerade angenehm nachvollziehbar ist. Wirklich interessant und spannend zu verfolgen wird es aber ab dem Moment, in dem Sam beginnt, alles zu hinterfragen und begreift, dass sie etwas ändern muss. Dadurch, dass sie gezwungen ist, sich mit dem eigenen Handeln auseinanderzusetzen, weil sie nach und nach mit den Konsequenzen konfrontiert wird, fängt sie an, ihre Handlungen und auch sich selber zu verändern. Darin, dass alles an jedem nächsten Morgen wieder wie „auf Start zurückgesetzt“ wird, erkennt sie eine Chance und nutzt sie aus. Sam bemüht sich mit jedem Tag mehr, alles, was ihrer Meinung nach vorher falsch gelaufen ist, nun besser zu machen.

Dadurch hofft sie natürlich immer noch vorrangig, einen Ausweg aus ihrer hoffnungslosen Situation zu finden. Und obwohl man dank des Prologs eigentlich ahnen sollte, wie es letztendlich ausgeht, hofft man auch als Leser für Sam, dass sie eine Lösung findet. Der gesamte Roman ist geprägt von Ehrlichkeit, Gefühl und Berührung. (Achtung! Spoiler! Dennoch wird besonders das Ende sehr herzzerreißend, als endgültig klar wird, dass Sam ihrem Schicksal nicht mehr entkommen kann.)

Lauren Oliver schafft es, in ihrem Roman, der nicht umsonst für den deutschen Jugendbuchpreis 2011 nominiert war, Sam sozusagen als subtile Gesellschaftskritikerin fungieren zu lassen, da diese –auch bei sich selber- versucht, herauszufinden, was in ihrem Leben und im Leben allgemein eigentlich alles falsch läuft. Vorrangig geht es dabei um Themen wie Erwachsenwerden, Selbsterkenntnis, Freundschaft, Schnelllebigkeit, Mobbing und Tod. Bei Sam ist da als erstes ihre Beziehung mit Rob, die sie unterbewusst auch schon anzweifelte, bevor sie in diese missliche Lage geriet. Es fiel ihr jedoch sehr schwer, dies wahrhaben und einsehen zu wollen. Dazu kommt das Verhältnis zu ihrer Familie, das mit der Zeit sehr oberflächlich wurde und für sie eine immer unwichtigere Rolle spielte. Im krassen Gegensatz dazu stand der Umgang mit ihren Freundinnen, der irgendwann den Großteil ihres Lebens ausmachte. Weshalb es besonders schmerzhaft für Sam war, zu erkennen, wie viel gerade dort falsch lief. Wirklich wichtige Anliegen, Probleme und die Vergangenheit jeder der Mädchen wurden praktisch totgeschwiegen –zum vermeintlichen gegenseitigen Schutz und Respekt-. Nicht zuletzt sind natürlich Mobbing und Tod sehr bedeutsam für den Roman.

Für die, die sich ein Happy End erhoffen…tja, das ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich muss das hier jeder für sich selbst entscheiden. Kommt wohl darauf an, was für einen selber ein Happy End ausmacht. Klar gelingt es Sam nach immerhin sieben Versuchen, etwas zu ändern. Sicher auch zum Besseren, aber, so traurig es auch ist, es ist womöglich etwas zu spät. Und ich denke, darin liegt auch der Kern des Buches und die Botschaft, die Oliver ihren Lesern damit vermitteln will. Es ging ihr in erster Linie ganz bestimmt nicht darum, einfach eine nette –übliche- Geschichte für Jugendliche zu erzählen. Das bedeutende dahinter ist wohl eher die Lehre, die man –hoffentlich- für sich selber daraus ziehen kann. Jedenfalls sollte klar sein, dass man in jedem Fall zum Nachdenken angeregt wird. Zum Nachdenken über den (eigenen) Tod. Das sollte einem schließlich schon durch den Titel bewusst sein. Vielleicht soll uns das Buch auch ein wenig mit auf den Weg geben, dass es eigentlich egal ist, wie spät bzw. eher früh man stirbt, für einen selber macht es dann wahrscheinlich sowieso keinen Unterschied mehr.

Es wird besonders deutlich, dass wir nicht die Möglichkeit haben, wie Sam sie im Roman hat. Unser Tod wird unvorhersehbar sein, weshalb wir zumindest versuchen sollten, jeden Tag so zu leben, dass er würdig ist, unser letzter zu sein. Denn wir haben nicht den „Vorteil“, den Sam hat und sollten deshalb besser sofort damit beginnen, unser Leben so zu leben, wie sie es erst an ihrem letzten Tag schafft.

Eure Jule

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