Kaffee, Küsse, Katastrophen – eine Silvester-Kurzgeschichte. Part 2

Hier findet ihr Part 1!

Adrian deutete auf die Tüte mit den zermatschten Tassen. „Möchtest du vorher noch nach einem neuen Geschenk suchen?“ Sie winkte ab. „Da habe ich jetzt echt keinen Nerv mehr für. Ein paar Tage sind es ja noch.“

„Dann bringe ich dich gerne hin.“ Er führte Emma mit ihrem invaliden Fahrrad ein paar Straßen weiter (zum Glück nicht wieder an der Fensterfront des Cafés vorbei) zu einem kleinen Einfamilienhaus. 

„Es ist wahrscheinlich chaotisch“, warnte Adrian sie bevor er auf die Klingel drückte.

„Chaos stört mich nicht.“

„Er und seine Freundin haben einen fast einjährigen Sohn und sie hat gerade wieder angefangen zu arbeiten. Da bleibt viel liegen.“ Er grinste schadenfroh. „Ich beneide ihn so gar nicht.“ Emma starrte ihn perplex an. Florian, der Familienvater passte nicht in ihr Weltbild. Doch bevor sie noch etwas entgegnen konnte, öffnete sich die Tür. Und immerhin sah Florian auch ziemlich überrascht aus, sie zu sehen.

„Na, wenn das nicht die gute, alte Emma ist!“ Er grinste und breitete die Arme aus und sie wusste nicht ob es einfach nur an seinem unproportional breiten Mund lag, durch den jedes Lächeln riesig wirkte, aber irgendwie war er der Inbegriff von Fröhlichkeit. Und auch wenn die Unterhaltung mit Adrian sie schon etwas aufgemuntert hatte, konnte sie das momentan ganz gut gebrauchen. 

„Lange nicht gesehen“, grinste sie zurück. 

„Wo hat Adrian dich denn aufgegabelt? War er wieder mit seinem schwarzen Van mit den getönten Scheiben unterwegs?“ Florian beugte sich zu ihr uns flüsterte verschwörerisch: „Blinzle zweimal wenn du nicht freiwillig hier bist.“ 

Emma lachte. Sie hätte früher schon mal zu einem der Klassentreffen gehen sollen um alle wiederzusehen, aber sie hatte sich immer gedacht, dass sie mit den Leuten mit denen sie befreundet bleiben wollte, ja auch noch Kontakt hatte. Der Gedanke, dass sie sich mit Leuten neu anfreunden könnte, mit denen sie vorher nicht viel zu tun gehabt hatte, war ihr gar nicht gekommen. 

„Ich habe sie zu nichts gezwungen“, beteuerte Adrian mit erhobenen Händen und Emma fügte hinzu: „Ich bin auch ziemlich eigennützig hier, muss ich gestehen.“ 

Florian hob eine Augenbraue in Richtung Fahrrad. „Bei dem platten Reifen hab ich mir das fast schon gedacht. Bring es mal rum auf die Terrasse.“ 

Adrian öffnete ihr das Tor vom Gartenzaun und zeigte ihr den Weg. Florian war durchs Haus schneller gewesen und suchte in der angrenzenden Garage schon nach dem passenden Werkzeug. 

„Wollt ihr irgendwas trinken?“, rief er zu ihnen raus, „Kaffee oder so?“ Emma hatte schon genug von Kaffee für den Tag, aber Adrian nahm gerne eine Tasse. Als Florian ihm die dann rausbrachte, trug er außerdem einen kleinen Jungen auf dem Arm. 

„Der Kleine wollte mal schauen, was hier draußen los ist“, sagte er, „Sag hallo zu Adrian und Emma, Oskar!“ Doch Oskar war wohl nicht in Stimmung und schaute nur verdattert aus der Wäsche. Florian setzte ihn seufzend in den Maxi Cosi, den er mitgebracht hatte („Dauert wohl noch ein bisschen bis ich mit ihm Lichtschwertduelle abhalten kann…“) und begann damit, Emmas Reifenschlauch abzumachen und ins Wasser zu tauchen. Er fand das Loch schnell und flickte es mit wenigen Handgriffen.

„Das sollte erstmal halten“, sagte er, „Aber sei vorsichtig bei unebenem Boden.“ Der Gutshof, wo die Hochzeitsfeier stattfand, war mitten auf dem Land und die einzige Zufahrtsstraße war eine drei Kilometer lange Schotterpiste. Vielleicht war das ja ein Zeichen? Genau wie die kaputten Tassen?

„Und was hast du Silvester Schönes vor?“, fragte Florian während er sich die Hände an einem Lappen abwischte. 

„Nichts“, antwortete Emma strahlend. Adrian verschluckte sich lautstark hustend an seinem Kaffee. Es war zwar vielleicht etwas spontan, und normalerweise dachte Emma detailliert über jede einzelne Entscheidung ihres Lebens nach, aber gerade war sie sich einfach sicher, dass es besser für sie wäre, nicht zu der Hochzeit zu gehen.

„Nichts? Das ist ja nicht zu fassen!“ Florian stemmte empört eine Hand in die Hüfte. „Und da hat Adrian dir nicht angeboten, ihn zu meiner berühmt berüchtigten Silvesterparty zu begleiten?“ Er sah Adrian auffordernd an, der sich noch mit verwirrtem Gesichtsausdruck den Kaffee vom Kinn wischte. 

„Hatte ich vor“, versicherte er seinem Freund. 

„Dann ist ja gut“, brummte Florian und fügte dann an Emma gewandt hinzu: „Er ist etwas schüchtern, weißt du, vor allem bei dir. Ich meine, er stand in der Schule schon auf dich und-“

„Okay, danke!“, unterbrach Adrian ihn so laut, dass Oskar ihn verblüfft anstarrte, während ihm ein Spuckefaden aus dem Mundwinkel lief. 

„Danke Florian, das ist eine sehr interessante Information.“ Emma grinste Adrian breit an, wofür er ihr ein Sarkasmus-triefendes Lächeln schenkte. 

Florian klatschte in die Hände. „So. Ich will euch ja ungern rausschmeißen, aber ich muss Oskar jetzt zu einer Verabredung mit einem Spielkameraden chauffieren, also bleibt mir nichts Anderes übrig.“ Er ließ sie wieder durchs Gartentor raus. „Wir sehen uns an Silvester?“

„Auf jeden Fall!“

Florian grinste und winkte noch einmal, dann fiel das Tor zu. Adrian hatte die Hände in den Taschen seines Mantels vergraben und wirkte immer noch etwas peinlich berührt. „Wegen eben, also… du solltest nicht alles so ernst nehmen was er sagt…“

„Schon gut, war doch nur Spaß.“ Emma zwinkerte ihm zu. Es fiel ihr schon wieder viel leichter ihr fröhliches Selbst zu sein; die Stunde mit Flo und Adrian hatte Wunder gewirkt. 

„War das mit Silvester auch nur Spaß oder kommst du echt mit?“, fragte er. 

„Ich komme echt mit.“

„Also keine Hochzeit?“

„Bloß nicht.“

Er lächelte. „Ich glaube das ist die richtige Entscheidung. Bei der Silvesterparty hast du garantiert mehr Spaß.“

„Ich bin sehr gespannt.“ Sie grinste. „Aber jetzt fahre ich erstmal nach Hause bevor es wieder anfängt zu regnen. Ich muss mir für später auch noch was zu Essen-“ Sie stockte und schlug sich dann mit der flachen Hand vor die Stirn. „Ich hab ganz vergessen einkaufen zu gehen! Jetzt hab ich da aber auch keine Lust mehr drauf… Heute muss Tiefkühlpizza reichen, dann ziehe ich einfach morgen nochmal los.“

„Oder ich lade dich zum Essen ein“, schlug Adrian vor, „Also morgen. Heute bin ich schon verplant.“

„Gerne.“ Emma freute sich wirklich darüber. In den 11 Jahren, in denen sie sich nicht gesehen hatten, war bestimmt viel Gesprächsstoff entstanden. Und eine Essenseinladung würde sie sowieso nie ausschlagen. 

„Super, ich freue mich drauf! Gib mir am besten deine Nummer, dann können wir uns noch absprechen wo und wann.“ 

Sie tauschten ihre Nummern aus und Emma fuhr glücklich nach Hause. Dass sich ein Tag so wandeln konnte…

Der 28. Dezember begann schon deshalb sehr viel besser, weil Emma bewusst ausschlafen konnte. Oder: gekonnt hätte. Denn um kurz nach sieben polterte Lou in ihr Zimmer.

„Emma, wach auf!“, rief sie und schleuderte ihr ein Kissen ins Gesicht, „Du kannst nicht schon wieder zu spät kommen.“ Emma war kurz orientierungslos, hatte sich aber schnell wieder gefasst. Allerdings bereute sie jetzt schmerzhaft, dass sie Lou gestern Abend vergessen hatte zu sagen, dass sie zwangsbeurlaubt worden war. 

„Beruhig dich, ich hab frei!“

„Oh.“ Lou stockte. „Tja, dann!“ Und lief damit fröhlich wieder aus dem Zimmer. Natürlich ohne die Tür zu schließen. Sie war konsequente Frühaufsteherin und konnte einen schlafliebenden Lebensstil nicht nachvollziehen. Emma zog sich stöhnend die Decke über den Kopf um den schmalen Lichtstreifen auszusperren. Das Küchenradio (und Lou, die völlig schief mitsang) hörte sie leider trotzdem.

Aufstehen und die Tür zuzumachen war leider auch keine Option, denn wenn sie einmal die gemütliche Wärme ihres Bettes verließ, war Emma hellwach. Es war wirklich tragisch. Ewig konnte sie ihren Kopf aber auch nicht unter der Decke lassen; die Atemluft ging schon zur Neige. 

Sie seufzte, schlug die Decke zurück und fröstelte kurz, bevor sie sich ein Herz fasste und aufstand. Sie lief an der Küche vorbei zum Bad und grummelte in Lous Richtung: „Ich hasse dich.“

„Ich hab dir Kaffee gemacht.“

„Ich hasse dich etwas weniger.“

Emma beschloss, dass ihre Zahnbürste noch ein bisschen auf sie warten konnte, und drehte um. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee umschmeichelte ihre Nase und weckte ihre Lebensgeister. Sie schnappte sich ihre Tasse vom Tisch und gesellte sich zu Lou aufs Sofa.

„Warum hast du eigentlich frei?“, fragte diese. 

„Ich war gestern nicht so ganz bei der Sache und weil sie eh noch eine Aushilfe da hat, hat Carla mir für den Rest des Jahres frei gegeben“, antwortete Emma vage. Sie hatte keine Lust, ihr peinliches Erlebnis vom Vortag nochmal Revue passieren zu lassen.

„Ist ja nett von ihr.“

„Jap. Ich wollte den freien Morgen eigentlich zum Ausschlafen nutzen.“ Lou warf ihr einen vorwurfsvollen Blick zu und Emma grinste. „Ich weiß ja, du wolltest nur nett sein.“

„Ich wusste du würdest das nicht zu würdigen wissen“, sagte Lou kopfschüttelnd, doch auch sie hatte ein Grinsen auf den Lippen. „Was steht denn außer Ausschlafen noch so auf deinem Tagesplan? Nicht, dass ich da auch dazwischenfunke.“

„Nicht viel. Hauptsächlich entspannen“, erwiderte Emma schulterzuckend, „Ich hab gestern Abend ein Buch angefangen, aber ich muss auch noch die neue Staffel Modern Family gucken.“

„Wenn die DVD schon draußen ist, gilt die Staffel nicht mehr als neu“, belehrte Lou sie, „Du bist viel zu spät dran.“

„Hey, ich finde es mehr als angemessen, Serien im Winter zu gucken, wenn man keine Sonne verpasst!“, verteidigte sich Emma, doch Lou schüttelte nur gespielt enttäuscht den Kopf. „Und du nennst dich Fan…“

Eigentlich hatte Emma die Serie ja schon längst weitergucken wollen, aber es war immer etwas dazwischengekommen. Jetzt wo sie Zeit hatte, könnte sie die ja auch mal nutzen. Aber erst einmal musste sie dieses Buch zu Ende lesen. Das war nämlich echt spannend.

So kam es dann auch, dass sie – nur unterbrochen von einer kurzen Essenspause zu Mittag –  den ganzen Tag weiterlas. Bis sie langsam wieder Hunger bekam. Denn dann fiel ihr siedend heiß ein, dass sie für den Abend ja mit Adrian verabredet war! Und ihr Handy hatte den ganzen Tag in ihrem Zimmer gelegen. 

Emma sprang auf, ignorierte Lous verdutzten Blick und sprintete zu ihrem Nachttisch, von dem sie sich ihr Handy schnappte. Zwei entgangene Anrufe und eine Nachricht. Sie hätte am liebsten ihren dämlichen, vergesslichen Schädel gegen die Wand geschlagen. 

So ließ sie sich aber nur aufs Bett fallen und sah sich erstmal die Nachricht an.

Hey Emma, ich schätze mal du liegst noch im Bett oder in der Badewanne oder auf der Couch und genießt dein Urlaubsdasein. Ruf mich einfach zurück sobald du Zeit hast. Adrian 🙂 

Ein Blick auf ihren Wecker verriet ihr, dass schon 18 Uhr durch war. Schnell öffnete sie seinen Kontakt und rief an. Er war zum Glück nicht sauer und konnte nachvollziehen, dass man bei einem guten Buch leicht die Zeit vergessen konnte. Er würde sie in einer halben Stunde abholen.

Eine halbe Stunde! Dabei musste Emma noch duschen und sich umziehen… Was sollte sie überhaupt anziehen? Etwas Schickes? Adrian hatte nicht verraten in welches Restaurant es ging. Mit Jeans und Bluse konnte man eigentlich nichts falsch machen, oder? Warum machte sie sich darüber überhaupt so viele Gedanken? Das war ja schließlich kein Date. Nur zwei alte Schulkameraden, die sich mal wieder trafen. Richtig? Emma war genervt von sich selbst. Letztendlich blieb sie bei ihrem Jeans-und-Bluse-Plan und schlüpfte gerade in ihren Mantel, als Adrian klingelte. 

Lou steckte ihren Kopf aus der Küche. „Ist das für dich?“

„Jap. Ich gehe mit einem alten Schulkameraden essen“, erwiderte Emma.

„Ohhh, ein Date?“ Lou wackelte vielsagend mit den Augenbrauen. 

„Kein Date.“ Emma verdrehte grinsend die Augen. „Nur ein Treffen.“

„Tu nichts was ich nicht auch tun würde“, rief Lou ihr hinterher während sie die Wohnungstür hinter sich schloss. 

Das Restaurant war wirklich schick. Emma war froh, dass sie vor kurzem nochmal einen Bügel-Marathon gemacht hatte, sonst wäre ihre Bluse jetzt eine knittrige Katastrophe… 

Während der Kellner sie zu ihrem Tisch brachte, sah Emma sich staunend um – flauschige, rote Teppiche, kristallene Blumenvasen und sogar Kronleuchter! Sie hatte gar nicht gewusst, dass es hier in der Stadt so einen tollen Laden gab! Sie war ziemlich beeindruckt, dass Adrian sie in so ein Nobelrestaurant ausführte. Er nahm ihr sogar den Mantel ab, bevor sie sich setzte! Ein wahrer Gentleman. 

Der Kellner reichte ihnen die Karten und fragte: „Darf ich ihnen schon etwas zu trinken bringen während sie aussuchen? Einen Aperitif vielleicht?“

Die einzige Sparte der Genussküche, in der Emma sich auskannte, waren Heißgetränke (Berufskrankheit) und sie bezweifelte, dass ein Cortado hier als akzeptabler Aperitif galt. 

„Ich nehme erstmal ein Wasser, danke“, sagte sie und Adrian schloss sich ihr an. Danach lenkte die fantastische Speisekarte erstmal von jedweder Konversation ab. Emma war noch nicht mal bei den Hauptspeisen angekommen und konnte sich schon nicht entscheiden!

„Warst du schon mal hier und weißt was besonders gut ist?“, fragte sie Adrian mit einem Hauch Verzweiflung, „Bei der Auswahl kann ich mich doch niemals entscheiden!“

Er grinste. „Das ist hier leider auch nicht so mein Stammlokal. Aber ich glaube, man kann mit nichts etwas falsch machen; alles was bisher rausgebracht wurde, sah super aus!“

Damit hatte er natürlich Recht. Also entschied sich Emma letztendlich für ‚Gulasch vom Rothirsch mit Preiselbeeren und Pilzen, glasiertem Rosenkohl und Selleriepüree‘, während AdrianScialatielli Sorrentina‘ wählte. 

„Einen Wein zum Essen?“, fragte der Kellner als er ihre Bestellung aufnahm.

„Können sie einen empfehlen?“, fragte Emma unsicher.

„Zu ihrem Gericht würde unser Montepulciano d’Abruzzo ganz ausgezeichnet passen, ein trockener, vollmundiger Rotwein.“

„Dann probiere ich den doch mal.“ Sie schenkte dem Kellner ein strahlendes Lächeln, um ihre Unwissenheit zu überspielen, und wandte sich dann an Adrian: „Wollen wir uns eine Flasche teilen?“

„Nein danke“, erwiderte Adrian, „Ich trinke nicht.“ Emma kniff neugierig die Augen zusammen, dachte sich aber, dass es wahrscheinlich unhöflich wäre, direkt nachzufragen.

„Dann nehme ich ein Glas, danke.“

Der Kellner neigte den Kopf und ging Richtung Küche davon. Emma nippte an ihrem Wasser bevor sie fragte: „Was sind Sciallatielli?“

„Es stand bei der Pasta“, entgegnete Adrian mit einem schiefen Grinsen und zuckte die Schultern. 

Emma lachte. „Und das traust du dich? Etwas völlig Fremdes zu probieren?“

„So falsch kann man mit Nudeln ja nicht liegen. Und außerdem…“ Er hob besserwisserisch seinen Zeigefinger. „…muss man Dinge ja mal probieren, um sie irgendwann zu kennen.“

„Sehr weise.“ Emma konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und steckte Adrian damit an. 

Die restliche Zeit bis das Essen kam, plauderten sie entspannt. Emma hätte nie erwartet, dass sie die Zeit so genießen würde, aber Adrians lockere, witzige Art machte es wiederum ihr leicht, locker und witzig zu sein.

Und so hangelten sie sich von einem Thema zum anderen, von interessant-exotischen Essenseskapaden über die neue Star Wars Serie (Adrian war natürlich immer noch Fan und bemühte sich, Emma zu überzeugen, dass sie mehr als sehenswert wäre) bis hin zur Einführung der neuen e-Scooter in der Stadt (denen Adrian eher skeptisch gegenüberstand, die aber Emma restlos begeisterten), bis wieder der nette Kellner mit ihrem Essen und Emmas Wein auftauchte.

„Darf ich fragen, wieso du nicht trinkst?“, erkundigte sich Emma, als er wieder weg war.

Adrian rollte nachdenklich eine Gabel Nudeln auf. „Mein Vater war Alkoholiker,“ sagte er ernst und atmete tief durch, „Ich habe gesehen, was es mit einem Menschen machen kann.“

„Oh.“ Emma wusste nicht, was sie sagen sollte und entschied sich für ein schlichtes, aber ehrliches: „Das tut mir leid.“

„Danke.“ Adrian sah auf und lächelte. Wahrscheinlich in einem Versuch, die Stimmung zu retten, fragte er grinsend: „Und was sind deine verkorksten Familiengeschichten?“

Emma verschluckte sich fast an einem Bissen Gulasch und rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. Eigentlich war es nicht ihre Art, beim mehr oder weniger ersten Treffen mit jemandem direkt in die dunklen Ecken ihrer Lebensgeschichte einzutauchen. Sie konnte auch auf den mitleidigen Blick verzichten, der ihr wahrscheinlich gleich zugeworfen werden würde. Aber Adrian war ehrlich zu ihr gewesen, also fand sie es nur fair, das auch zu sein.

„Tja, ich habe gerade wieder ein paar Horrortage mit der Familie hinter mir,“ sagte sie mit einem schwachen Grinsen, ein vergeblicher Versuch, das Ganze mit Humor anzugehen, „Meine Mutter ist schon länger dement und, na ja…“ Sie räusperte sich. „Dass mein Vater vor zwei Monaten gestorben ist, macht es nicht unbedingt besser.“

Adrian sah überrascht aus, vielleicht sogar schockiert, aber bisher hielt sich das Mitleid in Grenzen, was wiederum Emma positiv überraschte. 

„Dement sagst du?“, fragte er nach, „Aber so alt ist deine Mutter doch bestimmt noch gar nicht?“

„Mitte 50“, entgegnete Emma mit einem erneuten Schulterzucken, „Demenz kann auch schon im jüngeren Alter vorkommen, vor allem die frontotemporale. Ist einfach Pech.“

„Und der Tod deines Vaters – mein Beileid übrigens – den hat sie wahrscheinlich gar nicht richtig registriert?“

Emma wog den Kopf hin und her und verzog den Mund. „Manchmal hat sie ganz klare Momente, aber… die meiste Zeit ist sie völlig wirr. Der Arzt, der sie diagnostiziert hat, hat uns gewarnt, dass es schwierig wird, und das weiß man ja eigentlich auch, aber es ist härter als ich gedacht hätte.“ Sie schaufelte sich etwas Selleriepüree auf die Gabel und lächelte Adrian entschuldigend zu. „Aber das willst du wahrscheinlich alles gar nicht hören.“

„Doch, es interessiert mich“, beteuerte er, „Aber nur wenn es dir nicht zu viel wird.“

„Nein, ist schon in Ordnung.“ Denn tatsächlich – jetzt, als sie einmal angefangen hatte, war es gar nicht so schlimm.

„Sie lebt normalerweise bei meiner Schwester und ihrem Mann – er ist ausgebildeter Krankenpfleger und, so böse es auch klingt, ich bin froh, dass ich mich um nichts kümmern muss. Also, ich gehe sie natürlich oft besuchen, aber schon das macht mich oft so fertig, dass ich den Alltag sicherlich nicht bewältigen könnte.“ Emma seufzte. „Aber ich glaube meiner Schwester wird es auch langsam zu viel. In letzter Zeit ist sie immer so wütend.“ Sie stieß ein kurzes, freudloses Lachen aus. „Noch nicht mal auf jemand bestimmten, einfach auf die Welt. Das macht das Fest der Liebe sehr wenig lieblich.“

„Ich kann mich glücklich schätzen, damit keine persönlichen Erfahrungen zu haben“, sagte Adrian nach einigen Minuten des Schweigens,“ Aber ich stelle mir das wirklich hart vor, wenn die eigene Mutter, auf die man sich immer verlassen konnte, plötzlich wie fremd erscheint.“

Emma schossen die Tränen in die Augen und sie musste sie kurz schließen um sich zu sammeln. Adrian hatte es perfekt getroffen und sein Verständnis rührte sie ungemein.

Den restlichen Abend über wandten sie sich wieder weniger deprimierenden Themen zu und genossen das leckere Essen. Und schließlich standen sie schneller als gedacht schon wieder vor Emmas Wohnung, zu der Adrian – eben ganz Gentleman – sie begleitet hatte. 

„Ich hatte heute eine sehr schöne Zeit“, sagte er.

„Ich auch“, lächelte Emma, „Das sollten wir mal wiederholen.“

„Vielleicht hast du ja auch Lust, mit mir die Star Wars Serie anzufangen“, erwiderte er mit einem verschmitzten Grinsen.

Sie lachte. „Ich muss erstmal Modern Family weitergucken, sonst springt mir meine Mitbewohnerin ins Gesicht.“

„Die neue Staffel? Habe ich auch noch nicht gesehen.“

„Dann haben wir im neuen Jahr wohl viel zu tun“, grinste Emma und sie wünschten sich eine gute Nacht. Als Emma die Tür hinter sich schloss, konnte sie gar nicht mehr aufhören zu grinsen.

Hier geht es weiter mit dem dritten und letzten Teil 😉

4 Gedanken zu „Kaffee, Küsse, Katastrophen – eine Silvester-Kurzgeschichte. Part 2

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