TietzelsTipp: Deutsches Haus von Annette Hess

Eva Bruhns ist Übersetzerin für Polnisch. Sie lebt bei ihren Eltern, die die Gaststätte „Deutsches Haus“ betreiben, ein gut bürgerliches Esslokal. Als ihr Freund Jürgen zum ersten Mal zu ihren Eltern sonntags zum Mittagessen kommt – Eva hofft, dass er um ihre Hand anhalten wird – ruft man sie zu einem Übersetzungsauftrag in eine Kanzlei. Es ist Anfang der 60er Jahre, in der Stadt wird ein Auschwitz-Prozess vorbereit. Eva muss die Aussage eines ehemaligen polnischen Lagerinsassen übersetzen. Sie ist völlig überfordert. In ihrer heilen Mädchenwelt hat sie nie etwas von Konzentrationslagern oder der Ermordung von Juden gehört. Sie übersetzt „Block“ mit „Herberge“ und „Häftlinge“ mit „Gäste“.  Man hält sie zunächst für völlig unfähig und ungeeignet für die Aufgabe. Aber einen anderen Dolmetscher kann man nicht auftreiben, und so wird Eva trotzdem aufgefordert, im Prozess zu übersetzen.

Und nun erlebt der Leser, wie dieses naive deutsche Fräulein (wie ein aggressiver Amerikaner, der im Prozess ebenfalls aushilft, sie nennt), deren größtes Interesse, deren höchstes Bestreben die Hochzeit mit ihrem Jürgen ist, sich langsam zu verändern beginnt, wie Eva sich zu einer selbständigen, verantwortlich denkenden Person entwickelt. Aufgeschreckt durch die furchtbaren Dinge, die sie erfährt, stellt sie auch ihre Umwelt ganz anders in Frage. Die Eltern möchten nicht, dass sie in diesem Prozess mitarbeitet, ja verweigern sich jeder Aussprache darüber, obwohl die Zeitungen jeden Tag voller Nachrichten sind.

Evas große Unsicherheit und Naivität hatten bisher sowohl den Eltern als auch dem Mann, den sie heiraten möchte, Gelegenheit gegeben, sie in vielem zu beeinflussen, ihr eine eigene Meinung abzusprechen, sie für „gute Ratschläge“ empfänglich zu machen. Jürgen geht so weit, zu verlangen, dass sie als seine Frau sich seinem Willen fügen muss. Beispielsweise missbilligt er, dass sie dann weiter arbeiten soll. Schließlich überspannt er den Bogen, als er persönlich zum Staatsanwalt geht und die weitere Anstellung Evas in dem Prozess verbietet. Da die beiden inzwischen verlobt sind, hat er dazu offensichtlich das Recht. Der ganze Mief dieser 60er Jahre schwappt einem aus der Schilderung des gesellschaftlichen Milieus in diesem Buch an. Aber Eva ist nicht mehr das unbedarfte Mädchen. Sie trennt sich von Jürgen, fährt mit einer Delegation tatsächlich an den Ort des Geschehens, nach Auschwitz, und hier bestätigen sich merkwürdige Erinnerungsbilder, die während der ganzen Prozessdauer immer mal wieder in ihr hoch gekommen waren. Das Mitgefühl, das sie durch die Aussagen der Zeugen zunächst empfindet, weicht schließlich einem Schuldgefühl und dann der Erkenntnis, dass das nicht ausreicht, dass sie vor diesen ungeheuerlichen Grausamkeiten kapitulieren muss. Niemals kann sie verstehen, nachempfinden, was diese Menschen durchgemacht haben. Die Gewissheit, dass sie selber als kleines, 4jähriges Mädchen im Lager war, weil ihr Vater dort als Koch gearbeitet hat, führt zum Bruch mit den Eltern. Die Versöhnung mit Jürgen am Ende kann dagegen nicht wirklich überzeugen.

Brigitte Tietzel

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