TietzelsTipp: Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber

Anne Beaumanoir heißt die Frau, die hier besungen wird, und sie lebt, fast hundertjährig, noch heute in Südfrankreich. Aber wieso besungen und warum eine Heldin? Ein Heldenepos – so kennt man das Wort, denn Helden waren immer männlich – ist eine literarische Form der Vergangenheit, in der das Leben und die außergewöhnlichen Taten eines Helden beschrieben werden. Man denkt sofort an Odysseus und der wird hier auch mehrfach erwähnt. Scheint es da nicht gewagt, ein solches Modell auf die heutige Zeit und auf eine Frau anzuwenden? Es funktioniert. Und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst die Sprache. Die Versform, die natürlich nicht in Reimen, sondern in kurzen oder zeilenweise gebrochenen Sätzen daher kommt, erlaubt zusammenfassende Darstellungen, Unterbrechungen von Gedanken oder deren besondere Betonung in großer Konzentration. Das gibt der Autorin eine unglaubliche Freiheit, mit ihrem Sujet zu verfahren, zeitliche und andere Sprünge zu machen.

Diese Annette hat ein wirklich bewegtes Leben hinter sich, arbeitete während des zweiten Weltkriegs in der Résistance gegen die deutschen Besatzer, trat mit 19 Jahren in die Kommunistische Partei ein, weil sie daran glaubte, dass man die Welt zum Besseren verändern müsse. Die Partei aber verlangt Disziplin und absoluten Gehorsam. Man weiß heute, zu welchen Unmenschlichkeiten das geführt hat. Die Annette von damals setzte sich, ohne groß darüber nachzudenken, über solche Regeln hinweg. Sie sah Menschen in Not, in diesem Fall eine jüdische Familie, der verraten werden würde, und sie rettete die Kinder, die sie unter eigener Lebensgefahr zu ihren Eltern in die Bretagne brachte. Roland, die Liebe ihres Lebens, der ihr dabei half, und sie selbst wurden für diese Eigenmächtigkeit bestraft, aus Paris abgezogen und getrennt. Sie sollten sich nicht wiedersehen, Roland wird später erschossen. Schon vorher hatte Annette auf ein Kind von ihm verzichtet, weil man nicht kämpfen und Kinder bekommen kann.

Nach dem Krieg studierte sie Medizin, wurde Ärztin, heiratete, bekam zwei Söhne. In den fünfziger Jahren engagierte sie sich im Freiheitskampf Algeriens gegen ihr eigenes Vaterland. Sie wurde verraten und zu zehn Jahren Gefängnis verurteil. Als sie sich durch Flucht nach Tunis der Gefängnisstrafe entzog, ließ sie ihre Kinder, auch das gerade geborene Baby, zurück. Im unabhängigen Algerien dann, begreift sie, dass sich nichts geändert, dass sie nicht dazu beigetragen hat, aus diesem Land ein besseres zu machen.

Den unleugbar vielen guten Taten dieser Annette stehen einige Verblendungen gegenüber, und es ist eine Wohltat zu sehen, dass die Autorin hier keine Heldenverehrung abliefert. Auch Odysseus und all die anderen Helden waren nicht durchweg gute Menschen und schon gar keine Heiligen. Sie haben Fehler gemacht, sie hatten Schwächen. So auch diese bewundernswerte, starke Frau. Alles was sie gemacht hat, tat sie aus der Überzeugung heraus, dass es das Richtige war. Nur wer gar nicht handelt, macht auch keine Fehler.

Ein würdiges Buch für den Deutschen Buchpreis 2020.

Brigitte Tietzel

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