TietzelsTipp: Die Unzertrennlichen von Simone de Beauvoir

Dem hier zum ersten Mal veröffentlichten Roman liegt ein bereits 1954 geschriebenes Manuskript zugrunde, das Simone de Beauvoir aus nicht bekannten Gründen zurückgehalten hat, obwohl sie das Thema an anderen Stellen mehrfach literarisch bearbeitet hat. Hierüber gibt das Vorwort von Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon Beauvoir, Aufschluss.

Die neunjährige Simone lernt in einer katholischen Schule eine neue Klassenkameradin kennen, Zaza Lacoin, die sie außerordentlich beeindruckt. Die beiden werden unzertrennliche Freundinnen. Noch vor ihrem 22. Geburtstag verstirbt Zaza jedoch an einer Hirnhautentzündung, und fortan verfolgt die Verstorbene Simone in ihren Träumen Der Schock dieses völlig unerwarteten Ereignisses war offensichtlich nur schwer zu verarbeiten, insbesondere, weil die Freundschaft sehr intensiv und als etwas ganz Besonderes empfunden worden war.

Im Roman nun verarbeitet die Schriftstellerin die Geschichte mit leicht veränderten Zusammenhängen und anders gewählten Namen, aber doch so nah an der Wirklichkeit, dass man dies als eine autobiographische Darstellung werten darf. Es ist nicht ungewöhnlich, dass junge Mädchen zueinander finden und in der Freundin den einzigen Menschen sehen, der sie versteht. Solche Beziehungen können von größter emotionaler Intensität sein und daher als eine erste Liebe bezeichnet werden. Die Sylvie im Roman, das Alter Ego der Autorin, beschreibt das Geschehen aber eher als Beobachterin und aus einer gewissen Distanz heraus. Das kann sie aus zwei Gründen tun. Zum einen gesteht sie bei einer bestimmten Gelegenheit Zaza, die im Roman Andrée heißt, wie sehr sie sie verehrt, was Andrée erstaunt und ohne das Bekenntnis zu erwidern, hinnimmt. Von da an merkt Sylvie, dass ihre Besessenheit an Kraft verliert und sie die Beziehung mit größerer Gelassenheit empfindet. Und zum anderen hat sie sich von ihrem Glauben bereits verabschiedet. Weder die Kirche als Institution noch ein imaginärer Gott können ihre Sicht auf die Welt mehr beeinflussen.

Ganz anders Andrée, die aus einer „Dynastie militanter Katholiken“ stammt (eine Bezeichnung, die ich vorher nie gehört habe). Sie ist gefangen in ihrer unerwiderten Liebe zu ihrer streng und starr katholischen-konformistischen Mutter einerseits und dem Glauben an einen gnadenlosen, jeden freien Gedanken strafenden Gott. Beide, die Mutter und der Glaube üben eine derart strenge Kontrolle über die junge Frau aus, die gleichwohl mit ihrem ganzen Wesen anders fühlt und handeln möchte, als man es von ihr verlangt, dass sie darüber zerbricht. Vielleicht ist es tatsächlich dieser Druck, der Zaza/Andrée zur Verzweiflung treibt, der die kurze tödliche Krankheit in ihr hochkommen lässt. Sylvie/Simone dagegen hat sich bei einer grundsätzlich ähnlichen Erziehung  befreien können von den Vorgaben, die sie nicht akzeptiert und ihren Weg ins Studium und damit in eine intellektuelle und schließlich auch finanzielle Unabhängigkeit und Freiheit gefunden.

Brigitte Tietzel

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