TietzelsTipp: Gregor Gysi, Ein Leben ist zu wenig

574 Seiten Gregor Gysi, man mag davor zurückschrecken. Aber dann wird man doch hineingezogen von diesem klugen, lebhaften Mann, in ein Leben, dass so reich, so widersprüchlich, so vielseitig und aufregend war. Und die ganze Zeit über hat man das Gefühl: er spricht zu einem. Man hört ihn reden, und was immer er sagt, es ist blitzgescheit und wohl überlegt. Das ist wohltuend. Wohltuend auch die Unaggressivität mit der er Andersdenkenden begegnet, die ihn doch so häufig persönlich beschimpften und attackierten.

Er gehörte in der DDR einer privilegierten Schicht an. Sein Vater, Klaus Gysi, war schon vor dem Krieg Kommunist und Widerstandskämpfer gegen die Nazis und wurde in der DDR Kulturminister. Seine Mutter war Verlegerin verschiedener Verlage und ebenfalls nicht ohne Einfluss. Trotzdem (?) konnte der Sohn studieren. Er wurde einer der damals eher seltenen Rechtsanwälte der DDR. Er vertrat Regimekritiker wie Rudolf Bahro und Robert Havemann. Er wurde nach der Wende Parteivorsitzender der PDS, Nachfolgepartei der SED, und 2005-2016 war er MdB und Fraktionsvorsitzender der PDS und der Partei Die Linken. Er hat unendlich viele bedeutende Zeitgenossen persönlich getroffen, und sein Urteil über Menschen gleich welcher Art ist niemals oberflächlich. Wenn er jemanden nicht leiden kann, gibt er es zu, bemüht sich aber dennoch, einigermaßen gerecht zu sein. All die Geschichten, die man von der Schulzeit bis in die späteren TV-Talkshows erfährt und in denen er meistens eine gute Figur macht, sind interessant und amüsant. Sicher ist er eitel, sicher, vor allem in jungen Jahren, auch opportunistisch und sicher lässt er sich bei allem bewusst gut aussehen. Aber er gibt auch Fehler zu. Im Rückblick ist er in der Lage, die Dinge analytisch klar zu betrachten. Und was mich ungeheuer für ihn einnimmt, ist die Wachheit seines Geistes, seine unbezähmbare Neugier und Offenheit und schließlich die unfassbare Schlagfertigkeit in jeder schwierigen Situation. Das ist einfach beneidenswert.

Die Anfangskapitel, in denen er seine Vorfahren benennt, sind höchst interessant, weil sie uns nach Afrika  und nach Russland führen, weil darin Industrielle, Adlige, Juden, bayrische Kapitalisten vorkommen und eine mutige Urgroßmutter, die sich scheiden ließ. Von all dem ist wahrscheinlich einem größeren Publikum nur bekannt, dass Gregor Gysi Neffe einer Literaturnobelpreisträgerin ist, von Doris Lessing.

Gregor Gysi war mehrfach verheiratet, hat mehrere Kinder. Ein reiches, buntes, ja schillerndes Leben und man wünscht ihm, was er als Epilog seinem Buch anfügt: „Ich bin wild entschlossen, das Alter zu genießen“.

Tun Sie das, lieber Gregor Gysi, Sie habe es sich verdient.

Brigitte Tietzel

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