TietzelsTipp: Slow Horses von Mick Herron

Der britische Geheimdienst MI5 ist eine Räuberbande. Zunächst merkt man es nicht, weil man abgelenkt ist durch die Fokussierung auf Slough House, frei übersetzt mit „Drecksloch“, einer Dependance sozusagen der feineren Abteilungen des Geheimdienstes. Obwohl – Dependance trifft es vielleicht nicht ganz, eher Abstellgleis. Nach Slough House werden all jene unglücklichen Versager verbannt, die sich etwas so außerordentlich Dämliches im Dienste ihrer Majestät haben zuschulden kommen lassen, dass man sie loswerden musste, kaltstellen in einer unansehnlichen Bruchbude in einem der weniger attraktiven Viertel von London, wo sie fortan nicht nur keinen Schaden mehr anrichten, sondern eigentlich überhaupt nichts mehr verrichten können. Man hofft, dass die Frustration über ihr eigenes idiotisches Verhalten und die Tatsache der absoluten Stagnation sie zur Aufgabe, sprich Kündigung bewegen würde.

Es gibt eine ziemlich verwirrende Anzahl solcher Personen, die jedoch allesamt nicht zur Aufgabe neigen, weil sie der Ansicht sind, dass sie zur Arbeit im britischen Geheimdienst taugen – und nur dazu.

Insbesondere River Cartwright will sich nicht mit seiner Situation abfinden, weil sein Versagen nicht auf seiner eigenen Unfähigkeit beruhte, sondern auf Verrat. Und zwar von Seiten seines ehemaligen Kollegen Spider Webb. Das zu beweisen ist aber nahezu unmöglich.

In Slough House hat Jackson Lamb das Sagen, der seine eingeschränkte, aber an dieser Stelle absolute, Autorität dazu nutzt, seine Untergebenen zu tyrannisieren und zu demütigen. Alle hassen ihn und sie sind sich auch untereinander nicht grün.

Und dann kommt Leben in die Bude. Englische Nationalisten entführen einen harmlosen jungen Mann, der zwar in England geboren, aber pakistanischer Herkunft ist. In einer Video-Botschaft kündigen die Entführer an, den Mann vor laufender Kamera enthaupten zu wollen. Die ganzen nun folgenden verwickelten Zusammenhänge und abstrusen Ereignisse, können hier nicht beschrieben werden, auch um die Spannung nicht zu zerstören. Und spannend ist es wirklich und bisweilen ziemlich komisch, auch wenn einem das Lachen dann doch im Halse stecken bleibt.

Wie aber die ignoranten Slow Horses von ihrem unangenehmen Chef so in die Sache verwickelt werden, dass sie ihren Beitrag zur Lösung des Falles leisten können, wie Jackson Lamb, der, wenn auch der Chef  der Bande, ebenfalls ein abgeschobenes Slow Horse ist, der allmächtigen Vize-Chefin des MI5, die gewaltigen Dreck am Stecken hat, Paroli bietet, lohnt sich zu lesen. Selbst River Cartwright kommt am Ende zu seinem Recht, in gewisser Weise. Trotz der Intrigen, Schurkereien, Gewissenlosigkeiten innerhalb des Systems, die aufgedeckt werden, wäre der Geheimdienst nicht der Geheimdienst, wenn nicht Mittel und Wege gefunden würden, vieles unter den Teppich zu kehren, geradezu ungeschehen zu machen und die Außenwelt glauben zu lassen, alles sei bester Ordnung. Erfrischend.

Brigitte Tietzel

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