TietzelsTipp: Heimkehr von Thomas Hürlimann

Heinrich Übel jun. wird von seinem Vater, dem Gummifabrikanten aus dem Schweizer Hochtal, vor die Tür gesetzt mit den Worten, er sei „der Abfall, der weit vom Stamm gefallen ist“. Er solle sich erst wieder nach Hause trauen, wenn aus ihm etwas geworden sei. Der Junior geht nach Zürich und hört dort unendlich viele Vorlesungen, aber das führt zu nichts. Als der Vater ihn nach 18 Jahren zu sich ruft, weil er gestürzt ist, macht der Sohn sich auf den Heimweg in einem geliehenen Auto und verunglückt auf eisglatter Fahrbahn. Er verliert das Bewusstsein und als er wieder aufwacht, Monate später, befindet er sich in Sizilien und ist ein anderer Mensch geworden. Er ist kahl geschoren und hat am Kopf eine wulstige Narbe. Man hält ihn für einen, der dem Tod ins Auge geblickt hat, für einen Mafioso. Man erweist ihm, dem ehemaligen Versager, hier die größte Hochachtung. Nur er selbst scheint zu wissen, dass er immer noch der Alte ist. Wenn er es ist, denn nichts ist mehr sicher. Er kann sich nicht erklären, was mit ihm passiert ist und wie er nach Sizilien gekommen ist. Er kann sich an nichts erinnern. Und so macht er sich auf die Suche nach sich selbst und auf die Suche nach dieser verlorenen Zeit.

Es folgt eine ebenso abenteuerliche wie gänzlich absurde Reise, die ihn über Afrika zurück nach Zürich, nach Berlin und schließlich wieder in die Schweiz führt. Niemand scheint ihn zu erkennen, jeder sieht in ihm, wen er will. Eine Odyssee ist das, aber noch viel eher ein Schelmenroman, bei dem die Kuriositäten zur Normalität gehören und den man nicht unbedingt ernst zu nehmen braucht. Man muss das mögen, diese Fantastereien, das bis an die Schmerzgrenze Ausufernde, wenn Heinrich Übel  versucht, Licht in seine Amnesie zu bringen.

Erst beim dritten Anlauf gelingt es dem Junior tatsächlich, nach Hause zu kommen, aber auch das ist keine echte Heimkehr. Die Frage, was vor und nach seinem Unfall geschehen ist, findet schließlich Antworten, aber die sind im Grunde nutzlos, sie erklären nichts. „On ne revient pas“ heißt es mehrfach in dem Buch: niemand kann zurück, eine Heimkehr ist ausgeschlossen. Der Schluss mit einem sprechenden, Auto fahrenden, gestiefelten Kater ist geradezu absurd und führt wohl in den Tod.

Als Heinrich in den frühen Jahren an der Universität, als er sich  einschreiben will, seinen Lebenslauf auf einer Seite formulieren soll, schreibt er stattdessen sein ganzes Leben auf, über tausend Seiten, die er in Kartons archiviert – nur um am Ende zu erfahren, dass auch er sich für einen anderen gehalten und keineswegs die Wahrheit über sich geschrieben hat. Ebenso ufert der ganze Roman aus, Ereignisse, Begegnungen entwickeln sich auf unerhörte, unerwartete Weise. Den roten Faden zu behalten, fiele schwer, wären da nicht die unendlichen Wiederholungen, die einen wieder auf die Spur führen. Wie gesagt, man muss das mögen, nichts für knallharte Realisten.

Brigitte Tietzel

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