Jana Revedin: Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus

von Sandra Franz, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle der Stadt Krefeld 

Die Architektin Jana Revedin schildert in ihrem Debutroman das Leben der Autorin und Lektorin Ise Frank. 1897 in den Ausklängen des 19. Jahrhunderts geboren, geprägt durch die Erfahrungen des 1. Weltkrieges und in ihrem Auftreten und Denken die Aura des Aufbruchs der 1920er Jahre symbolisierend, trifft Ise 1923 mit 26 Jahren Walter Gropius, den berühmt berüchtigten Direkter des Staatlichen Bauhauses in Weimar. Schnell entwickelt sich eine Verbundenheit, die über zahlreiche Besuche in München und Weimar zur Eheschließung führt. Ise entwickelt sich rasch zu einer zentralen Person innerhalb der Bewegung und anhand ihrer Geschichte kann die Leserschaft den Verlauf des Bauhauses von Weimar über Dessau nach Berlin und schließlich ins Exil verfolgen.

Wir begegnen in Ise einer emanzipierten Frau, die darüber nachdenkt, ob es ein Fehler war, dass ihre Freundin Gussi den viel älteren Konrad Adenauer geheiratet hat und nun in ihrem Hausfrauendasein aufgeht, anstatt sich auf ihre mögliche Karriere zu konzentrieren. Und dann mit demselben Konflikt konfrontiert wird, nachdem sie Gropius begegnet. In ihrer Unabhängigkeit, die sie schützen soll vor weiteren emotionalen Verletzungen, wie dem Verlust ihrer Mutter, und die sie doch nicht nur schützt, sondern ausfüllt, wird sie von ihren Gefühlen für Gropius überrannt. Dabei ist es immer mehr eine Verbundenheit und ein Vermissen, anstatt überschäumender Liebe. Der Wunsch nach Nähe bleibt dabei in jedem Fall. In den anfänglichen Kapiteln wirkt die „Liebe auf den ersten Blick“, die ja auch gar nicht so wirklich eine ist, vielleicht ein wenig übereilt, mit fortschreitendem Buch wirkt es aber immer glaubwürdiger. Und die Beziehung, die mehr auf Verbundenheit als Liebe basiert, überlebt dann auch fast selbstverständlich Seitensprünge und den traumatischen Verlust des totgeborenen einzigen Kindes. Ihre Unabhängigkeit verliert Ise nie so ganz. Ihre sehr enge Freundschaft zu Irene Bayer wirkt dabei fast wie eine weitere Partnerschaft, die die zwischen Ise und Gropius ergänzt. „Wer bitte redet hier von Männern?“, wie es in einem Gespräch zwischen Ise und Irene heißt.

Die dritte Beziehung Ises ist die zum Bauhaus. Ein wenig liest sich das Buch wie ein „Who ist who“, berühmte Namen geben sich die Klinke in die Hand. Behrens, Gropius, Mies van der Rohe, Häring, Döcker, Itten, Kandinsky, Klee – sie alle interagieren mit Ise und lassen so die zweite Hälfte der 1920er Jahre auferstehen. Dabei schwebt die Politik konstant wie eine dunkle Wolke über der erzählten Geschichte. „Dann bliebe ihm also überhaupt kein Vertrauter mehr. Er würde den absehbaren Rechtsruck in Thüringen, die Schulfinanzenkrise, den sich abzeichnenden Presseverriss zum misslungenen Musterhaus und den sehr wahrscheinlichen Lehrer-Exodus infolge des Rauswurfs Ittens ganz und gar alleine meistern müssen“ wird Gropius Situation an einer Stelle zusammengefasst. An manchen Stellen muss die Frage gestellt werden, ob alle Situationen tatsächlich von den historischen Personen so deutlich zukunftsweisend wahrgenommen wurde, die der Roman es schildert, oder ob es sich teilweise um rückwirkend von der Autorin konstruierte Parallelen und Visionen handelt, die vor allem aus der heutigen Per-spektive gezogen werden können. Doch Fakt ist, dass die „Hitler-Proleten“, die überall auftauchen, uns heute angesichts des steigenden Rechtsrucks in Europa wieder viel zu vertraut wirken.

Während die rechte Politik und der erstarkende Nationalsozialismus klar die größere Bedrohung im Buch darstellen, werden zusätzlich in Form von Gropius Nachfolger, dem kommunistischen Schweizer Hannes Meyer, auch weitere Konflikte des 20. Jahrhun-derts angedeutet: „Massengerechter Massenbau = Gleichheit für alle“ vs. „Wir schreiben hier Universal“ – beruhte der Streit, der beim ersten Aufeinandertreffen der Archi-tekten im Buch beschrieben wird, nicht auf Tatsachen – man könne ihn nicht treffender erfinden. „Es war wahrscheinlich die schlimmste Szene, die sich je am Bauhaus abgespielt hatte. Gropius stand auf und ging.“ Auch dieser Satz wirkt in Retrospektive prophetisch – die Vernunft verabschiedet sich und geht ins Exil, während die rechten und linken Parteien sich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Denn letztendlich ist die große Frage, die alle Protagonisten sich spätestens 1933 stellen müssen: Gehen, bleiben, neu anfangen – aber wo? Im Buch wird dies von der Autorin fast versöhnlich formuliert: „Alles, was sie brauchte, war der Mut zum Loslassen. Und Zeit.“ Tatsächlich hinterließen die Erfahrungen in Weimar, Dessau und Berlin jedoch tiefe Spuren bei vielen Bauhäuslern. Zeit heilte hier nicht alle Wunden, sicherlich nicht bei Ise und nicht bei Gropius. Und hier kommen wir zur klaren Schwäche des Buches – dieses Loslassen, die Zeit, die Narben, all dies wird nur angedeutet, die Hand-lung beschränkt sich auf die 1920er Jahre, der Aufbruch ins Exil wird beinahe stichpunktartig beschrieben, als sei auch Frau Revedin fluchtartig aufgebrochen und musste die Handlung schnell noch fertigstellen. Doch sollte dies dem Lesevergnügen keinen Abbruch tun – wer das Buch in die Hand nimmt, kann eintauchen in die Welt des Bau-hauses, des Umbruchs und der Kämpfe der 1920er Jahre – und sollte es auch unbedingt tun. 

Mir hat es großen Spaß gemacht, das Buch zu lesen und meine Freude war umso größer, als ich im Anschluss auch noch Jana Revedin bei einer Lesung in der Mediothek zuhören konnte. Ich hoffe, Ihnen wird es ebenso gehen.

Sandra Franz ist Historikerin und Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Krefeld. Und zudem geht sie als passionierte Leserin nie ohne Buch aus dem Haus.

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