Eine Notfallübung im Stadtarchiv

Die Mediothek Krefeld ist Mitglied der Krefelder Notfallkette, in der sich unter Führung des Stadtarchivs Krefeld (https://www.krefeld.de/de/stadtarchiv/41-stadtarchiv/) Krefelder Firmen, Gemeinde- und Heimatarchive zusammengeschlossen haben, um sich in einer Notfallsituation gegenseitig zu helfen. Solche Notfälle können Brände, mit anschließendem Löschwasserschaden, Rohrbrüche oder auch Starkregenschäden sein. Danach gilt es die Kulturgüter, wie Archivalien, wirklich alte Bücher, Gemälde usw. zu retten. Allen sind vielleicht noch der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar (https://www.klassik-stiftung.de/herzogin-anna-amalia-bibliothek/die-bibliothek/) oder der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln (https://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/kultur/historisches-archiv/der-einsturz-des-historischen-archivs) im Gedächtnis.

Die Mediothek ist in Besitz einiger alter Bücher (unser ältestes ist von 1571), die für das Gedächtnis der Stadt und die Geschichte der Mediothek wichtig sind. Deshalb sind wir bei der Sache dabei. Übrigens eines von vielen Dingen, die wir im Hintergrund für das Haus tun, ohne das die Öffentlichkeit davon erfährt. Außer, wenn wir mal davon berichten ;-).

Das Stadtarchiv hatte nun zu einer Notfallübung eingeladen, damit die Mitarbeitenden der Archive, des Museums Burg Linn und der Mediothek  im Fall des Falles, von dem wir alle hoffen, dass er niemals eintreten wird, gerüstet sind. Fachkundige Dozenten waren Anna Katharina Fahrenkamp und Markus Vieten von der Archivberatungsstelle des Landschaftsverbandes Rheinland (https://afz.lvr.de/de/startseite.html). Sie sind erfahrene Restaurator*innen und mit Notfällen vertraut. Am Vormittag führten sie uns theoretisch in die Materie ein. 1000erlei Dinge müssen überlegt werden: ist das Gebäude besonderen Risiken ausgesetzt, sind die Zugänge und Fluchtwege frei, sind Brand-, Wasser und Einbruchschutz ausreichend, was soll gerettet werden, wer sind die verantwortlichen Personen, die einen Einsatz leiten werden?

Immer gilt: Personenschutz geht vor Kulturgut-Rettung! Auch wenn eine unersetzliche Handschrift in Gefahr sein sollte, darf man nicht in das brennende Gebäude laufen um sie rauszuholen! Die Rettung der Kulturgüter fängt immer erst an, wenn die Feuerwehr das Gebäude freigegeben hat!

Meine theoretischen Kenntnisse aus meiner Fortbildung zu Archivarin bekamen also eine notwendige Auffrischung. Am meisten freute ich mich auf den Praxisteil, so eine Übung hatte ich noch nie mitgemacht. Nach einer kleinen Mittagspause ging es los. Zuerst inspizierten wir die Notfallboxen, in denen viele wichtige Utensilien für eine Rettung vorhanden sind, wie Schutzkleidung, Reinigungs- und Verpackungsmaterialien.

Die Notfallboxen, die im Stadtarchiv aufbewahrt werden, mit den benötigten Utensilien; Foto: Hufschmidt

Wir kletterten in unsere Schutzkleidung, was durchaus lustig aussah, nicht nur das Klettern, sondern auch unser Aussehen danach. Deshalb gibt es auch davon keine kompromittierenden Fotos :-D.

Die Kolleg*innen vom Stadtarchiv und die beiden Restaurator*innen hatten ein wunderbares Schadensszenario vor dem Gebäude des Archivs aufgebaut, damit wir an echten Akten, Fotos usw. üben konnten.

Akten, Pläne, Bücher, Zeitschriften und Archivkarton haben eine
ordentliche Ladung Wasser abbekommen; Foto: Hufschmidt

Als Nächstes wurden von uns Teilnehmer*innen drei Stationen aufgebaut: eine Erstversorgungsstation, eine „Stretching“-Station und eine Lufttrocknungsstation. Alle Arbeitsschritte, von der Bergung bis zur Restaurierung, müssen dokumentiert werden. Bei der Bergung aus den Regalen wird mit der Schadensdokumentation begonnen. Zunächst wird festgehalten, um welche Art Schaden es sich handelt. Alle Archivalien, die geborgen werden, werden dann, zusammen mit einer laufenden Nummer, in einer Bergungsliste aufgeführt. Sie kommen dann in Kisten zur Erstversorgungs-Station.

Dieser Karton zerfiel beim Anheben mit den Händen in seine Einzelteile

Manchmal zerrinnen einem die zu bergenden Gegenstände praktisch unter den Fingern oder lösen sich in Wohlgefallen auf, wie dieser alte geklebte Archivkarton.

Erstversorgungs-Station

An der Erstversorgungs-Station wird entschieden, was mit den betroffenen Kulturgütern geschehen soll. Deshalb ist dort immer ein/e erfahrene/r Archivar*in stationiert, der/die entscheiden muss. Sind die Archivalien nass, feucht oder trocken? Je nachdem in welchem Zustand sie sind, wird weiter verfahren. Wenn sie nass sind, geht es weiter zur Stretching-Station, sind sie feucht, geht es zur Lufttrocknungsstation. Jedes gerettete Teil bekommt eine Nummer, damit es immer identifizierbar bleibt. Hier wird jedes Teil dann in eine Bergungsliste eingetragen.

Stretchingstation

An der „Stretching“-Station werden die Archivalien zunächst grob gesäubert und aufstehendes Wasser ablaufen lassen oder mit Schwämmen abgenommen. Dann in Folie verpackt und damit zum Einfrieren vorbereitet. Wichtig ist es auch hier, dass zusammen gehörendes Material auch zusammen bleibt. Zum Beispiel müssen alle Blätter, die in einem Ordner abgeheftet sind, in ein Paket. Dabei ist darauf zu achten, dass alle wichtigen Informationen, wie z.B. die Beschriftung des Ordners mit dem Inhalt und die Bergungsnummer, mit in das Paket kommen. Der Ordner kommt dann in den Abfall. Die Pakete kommen in Kisten, mehrere Kisten werden auf Paletten gestapelt und dann in einem Gefrierhaus tiefgefroren. Danach folgt die Gefriertrocknung, dafür sind aber nicht alle Materialien geeignet. Kunstdruckpapier, wie es für Bildbände oder auch Zeitschriften Verwendung findet, kann nicht gefriergetrocknet werden.

Lufttrockungs-Station

Alle Archivalien, die nur feucht sind, kommen zur Lufttrockungs-Station. Sie werden dort aufgestellt oder gelegt, mit saugenden Materialien, wie Küchenrolle, versehen und mit Hilfe eines Ventilators getrocknet. Ab und zu mal wenden und das saugende Papier austauschen ist dann alles, was zu tun ist. Der überwiegende Teil der luft- oder gefriergetrockneten Kulturgüter kommt dann zu den Restaurator*innen, die dann versuchen alle erhaltenswerten Archivalien wieder nutzbar zu machen.

Ihr denkt jetzt vielleicht, na, das ist ja ein lauer Job, aber das war noch nicht einmal die Notfallübung. Das Ausräumen der Regale ist anstrengende körperliche Arbeit und das stundenlange Stehen an den Tischen, an denen die Entscheidungen getroffen werden und die Archivalien bearbeitet werden, schlaucht auch ganz schön. Wir standen in unseren Schutzanzügen auch die gesamte Zeit in der Sonne, weil wir auf den Aufbau der Schutzzelte verzichtet hatten. Also im Ernstfall: Zelte aufbauen ;-).

Es war ein gelungener Tag! Es hat großen Spaß gemacht, die Theorie vom Vormittag am Nachmittag anzuwenden! Ich habe viel von den beiden Fachleuten gelernt, die Gastfreundschaft der Kolleg*innen vom Stadtarchiv, die uns mit Getränken und Schleckereien versorgt haben, genossen und bin vorbereitet auf den Fall, der hoffentlich nie eintreten wird!

Katrin Hufschmidt

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