TietzelsTipp: Ein lebendiges Feuer von Alois Prinz

Die Lebensgeschichte der Milena Jesenská

Es greift zu kurz, würde man die Bedeutung der Milena Jesenská auf ihre kurze Bekanntschaft mit Franz Kafka beschränken. Es ist richtig, dass die Veröffentlichung der Briefe Kafkas an Milena das Interesse an ihr wach gehalten hat. Aber die Begegnung mit dem, damals noch kaum bekannten, Schriftsteller war kurz. Ende 1918 hatte sie Kafka gebeten, seine Erzählung „Der Heizer“ ins Tschechische übertragen zu dürfen. Einem kurzen Treffen in Prag folge ein intensiver Briefwechsel. Kafka besuchte Milena nach langem Zögern 1919 in Wien. Zum zweiten Mal trafen sie sich im August desselben Jahres in Gmünd. Danach war klar, dass die beiden kein Paar werden konnten. Der Mann, der jegliche Nähe, insbesondere die körperliche, angstvoll scheute und die Frau, die voller Sinnlichkeit, Lebenslust, Direktheit war – das passte  nicht zusammen.

Milena, geboren 1896, war das einzige Kind von Jan Jesenský, einem tschechischen Nationalisten, der in Prag eine Zahnarztpraxis hatte. Er setzte alle seine Hoffnungen auf diese Tochter, von der er erwartete, dass sie Medizin studieren und ihm nachfolgen würde. Die Mutter war früh verstorben. Milena erfüllte die Erwartungen des Vaters nicht, im Gegenteil. Sehr bald gab sie das Medizinstudium auf, trieb sich mit Männern herum und nahm Drogen. Zu allem Überfluss verliebte sie sich in den literarisch gebildeten Bankangestellten Ernst Polak, einen Juden. Jan Jesenský hasste Juden. Mit allen Mitteln versuchte er, die beiden zu trennen. Als Milena schwanger wurde, half er ihr, eine Abtreibung vorzunehmen, in der Hoffnung, dass würde sie von ihrer Liebe heilen. Als das nicht der Fall war, ließ er sie in eine Irrenanstalt einweisen. Sobald man sie von dort wieder entließ, heiratete sie Polak und ging mit ihm nach Wien. Polak fand dort eine Stellung an einer Bank, verlangte aber, dass seine Frau für sich selber sorgte. Es ist verwunderlich, dass diese Ehe fünf Jahre hielt, trotz all der Demütigungen die Milena von Polak, der zudem notorisch untreu war, ertragen musste.

Sie begann für Zeitungen zu schreiben und hielt sich damit mühsam über Wasser. 1924 ging Milena nach Prag zurück, die Ehe wurde geschieden. Sie heiratete ein zweites Mal und bekam eine Tochter. Es ist ein außerordentlicher Charakterzug dieser Frau, dass sie mit allen Menschen, die ihr etwas bedeuteten, ihr Leben lang verbunden blieb, so auch mit Polak oder mit Kafka,bis zu dessen Tod, oder selbst mit ihrem Vater, der sie doch verstoßen hatte. Zeitweise stand sie dem Kommunismus nahe, von dem sie sich aber wegen der unerträglichen Bevormundungen enttäuscht abwandte. Milena kümmerte sich in der Zeit der deutschen Okkupation ihres Vaterlandes um alle Verfolgten, verhalf manchem zur Flucht und rettete ihnen damit das Leben. Schließlich wurde sie selber verhaftet und ins Frauenkonzentrationslager  Ravensbrück verbracht, wo sie 1944 verstarb. Bis zuletzt war sie in der Lage, anderen durch mutiges Einschreiten zu helfen. Eine eigenwillige, leidenschaftliche, überschäumende, starke Frau. 1995 wurde sie in die Liste der „Gerechten unter den Völkern“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen.                                                                        

Brigitte Tietzel

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