„Wir haben zwei Möglichkeiten: wir sterben oder wir leben.“

In regelmäßigen Abständen haben wir verschiedenste Organisationen zu Gast. Am Samstag, den 7.3.2020 war es die Krefelder Lokalgruppe der AG Seebrücke. Sie haben über ihre Arbeit informiert, viele interessante Gespräche geführt und eine kleine Ausstellung aufgebaut.

Wir haben hier einen kleinen Gastbeitrag von Ingeborg Hollstein für euch:

Erdal, Professor an einer türkischen Hochschule, wagte die Flucht über das Wasser, um einem 15jährigen Gefängnisaufenthalt zuvorzukommen. Er hatte bereits 10 Monate im Gefängnis verbracht wie viele andere Menschen, deren Ansichten und Vorstellungen dem türkischen Präsidenten Erdogan nicht passten.

Monate später verließ seine Frau mit den Kindern das Land auf dem gleichen Weg.

Kemalettin C., ein 14jähriger türkischer Junge, ebenfalls mit seiner Familie auf einem Schlauchbot geflüchtet, zeichnete seine eigene Flucht, die Flucht von Erdal und anderen Menschen, aber auch die Schicksale derjenigen, die kein glückliches Ende hatten wie das von Esma, die mit ihren drei Kindern übers Wasser kam, ihren Mann anrief: „Wir haben es  geschafft, wir sind in Griechenland,“ und kurze Zeit später an einem Herzinfarkt starb.

Der inzwischen 17-jährige Kemalettin C.

12 Bleistiftzeichnungen von Kemalettin C. wurden am Samstag, 7.3. im Rahmen einer Ausstellung der Aktion Seebrücke in der Mediothek Krefeld gezeigt und von vielen Menschen angeschaut. Darunter waren auch Betroffene, Menschen, die diese gezeichneten Situationen selbst erlebt haben. Das Wiedererkennen und Erinnern war sehr berührend.

Mit dieser Ausstellung möchte die Aktion Seebrücke darauf hinweisen, wie gefahrvoll und anstrengend diese Fahrten über das Wasser sind, vom geplatzten Boot bis zum Tod im Wasser, von der ungewissen Zukunft „Wir fahren mit dem Boot und wissen nicht, wohin die Reise geht.“ Von den Anstrengungen des weiten Weges: „Mama, ich habe meinen Schuh verloren!“ Die kleine Büsra musste noch 13 km laufen.

Einige der Bilder zeigen auch die Zurückgeliebenen wie eine Mutter im vergitterten Polizeiauto oder Zeki, der im Gefängnis die Folter nicht überlebt hat.

Und die Flucht ist noch nicht zu Ende, wenn die Menschen es übers Meer geschafft haben. Die Aktion Seebrücke möchte auch die „Verlorenen“ wieder in den Fokus rücken, die z.B. in den Flüchtlingslagern wie Moria auf Lesbos in ihrer Hoffnungslosigkeit unter elenden Bedingungen vor sich hin leben. Und die Politiker daran erinnern, dass da Menschen sind, die unsere Hilfe brauchen.

Für viele wird es dann zu spät sein wie für das Paar mit den beiden kleinen Kindern in dem gekenterten Boot. Die Kinder ertranken, der Vater, nachdem er seine Frau noch bis zum Ufer zog, versank auch. Wie soll diese Frau weiterleben?

Ingeborg Hollstein

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