Das ist ein tieftrauriges Buch. Es handelt vom Scheitern menschlicher Beziehungen, vom Versagen, davon, dass man Menschen, die anders sind, ablehnt, statt ihnen Verständnis entgegen zu bringen.
Pierre schließt sich in Frankreich den Gelbwesten an. Man schreibt das Jahr 2018/2019. Die Gelbwesten entladen ihren Zorn über steigende Preise gegen die französische Regierung, erst friedlich mit Straßenblockaden, dann immer gewalttätiger. Und obwohl die Wut von Pierre und seinen Freunden verständlich ist, denn sie gehören zu den Unterprivilegierten, jenen denen ein paar Cent mehr pro Liter Benzin wirklich etwas ausmachen, kämpft Pierre hier einen Stellvertreterkrieg, und man ahnt, dass das für viele andere ebenfalls zutreffen könnte. Denn Pierre bekommt sein Leben nicht in den Griff. Er liebt seine Frau Louise oder besser, er hat sie einmal sehr geliebt. Bis ihr gemeinsamer Sohn, Geoffroy, auf die Welt kam. Geoffroy ist von Anfang an anders als andere Kinder. Schon als Baby lässt er sich nicht gern anfassen, schaut niemandem in die Augen und jetzt, als Dreizehnjähriger, lebt er in seiner eigenen, eigenartigen Welt, die er in Farben sieht. Er braucht die absolute Regelmäßigkeit, die Klarheit von Zahlen und die Logik der Mathematik. Darin kann er die Welt einordnen, das versteht er. Gefühle dagegen, Poesie gar, sind ihm fremd. Pierre wird damit nicht fertig. Und als er auch noch seine Arbeit verliert und einen demütigenden Job als Hausmeister und Aufseher in einem Supermarkt annehmen muss, zerbricht seine Ehe langsam. Louise hingegen gelingt es, mit ihrer Enttäuschung umzugehen. Sie liebt Geoffroy, geht auf ihn ein und kann ihm helfen, seinen Alltag zu meistern. Sie sieht nicht nur Geoffroys Defizite, sondern erkennt seine außergewöhnlichen Fähigkeiten. Denn Geoffroy hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis, er liest viel und weiß erstaunliche Dinge, auch wenn sein Verständnis eher auf Fakten als auf Zusammenhängen beruht.
Eines Tages kommt die zwei Jahre ältere Djamila auf ihn zu. Sie fühlt sich zu dem seltsamen Jungen hingezogen. Es gelingt ihr, sich ihm zu nähern, sein Vertrauen zu gewinnen. Als sie seine Hand nehmen kann, werden sie Freunde. Das ist sehr berührend. Aber ihre Umgebung lässt die beiden nicht einfach sein, was sie sind. Klassenkameraden mobben Geoffroy, Kerle auf der Straße beleidigen Djamila obszön und verprügeln den Jungen. Und selbst Pierre ist so wütend über seinen Sohn, dass er ihn eines Tages mit zu einer Demonstration der Gelbwesten nimmt und ihn zwingt, einen Molotowcocktail auf ein Pariser Gebäude zu werfen. Geoffroy bekommt einen Anfall, und selbst Pierres Freunde missbilligen sein Tun. Seine Reue, seine versuchte Wandlung mit der er Louise für sich zurückgewinnen will, kommen zu spät. Zu allem Überfluss radikalisieren sich Djamilas Brüder religiös, zerreißen ihre modischen Kleider, zwingen sie, ein langes Gewand zu tragen und als sie sich wehrt, begreift man, dass ihr Glück keine Chance hat. Doch die erwartete Katastrophe bleibt aus. Das ist einer märchenhaften Wendung am Schluss des Buches zu verdanken. Man ist dankbar für diesen Schluss, weiß aber, dass es im realen Leben so nicht enden würde.
Brigitte Tietzel