Tietzels Tipp: Kommt ein Pferd in die Bar von David Grossman

Dovele, der Stand-up Comedian, platzt auf die Bühne und beschimpft auf skurrile Weise das Publikum. Nichts von dem, was er sagt, oder im Laufe des Abends sagen wird, ist komisch. Außer vielleicht ein paar müden Witzen. Dennoch wird beschrieben, wie sich das Publikum hin und wieder ausschüttet vor Lachen. Das ist sehr befremdlich, denn von allem Anfang an ist klar, dass mit diesem Mann etwas nicht stimmen kann. Aber vielleicht ist es tatsächlich so, dass die Erwartung auf einen lustigen oder komischen Abend die Menschen zunächst so reagieren lässt, als würden die Erwartungen sich erfüllen, und erst nach und nach erkennen sie immer deutlicher, dass hier etwas ganz und gar nicht so läuft, wie es laufen sollte. Dann hagelt es Proteste, Viele verlassen die Veranstaltung.

Aber was läuft da eigentlich ab? Dovele ist 57 Jahre alt und abgewrackt, anders kann man es nicht nennen. Und er hat diesen Abend dazu bestimmt, als eine Art Abrechnung daher zu kommen. Er erzählt die ganze traurige Geschichte seiner Existenz; er bringt sein Leben auf die Bühne, und ganz sicher ist das sein Abschied von dieser Bühne, möglicherweise sein Abschied vom Leben überhaupt. Es wird nicht ganz klar, aber er macht einen ziemlich kranken Eindruck, auf jeden Fall den Eindruck eines Menschen, der am Ende ist, der sich noch einmal zusammen nimmt und aufrafft für dieses Finale.

Er hat einen Jugendfreund aus längst vergangenen Tagen, einen inzwischen pensionierten Richter angerufen und zu diesem Abend eingeladen. Der Leser erfährt nicht nur von Dovele auf der Bühne, sondern auch von diesem Zuschauer, was sich im Leben der beiden abgespielt hat. Dazu taucht eine kleine, verhuschte Frau auf, die Dovele ebenfalls aus Kindertagen kannte. Der Richter vermutet, noch andere Personen aus dem Leben des Dovele könnten sich zu dieser besonderen Veranstaltung eingefunden haben, aber das bleibt unbeantwortet. Während die einen über die ungewöhnliche Darbietung empört sind, sind andere davon fasziniert, und man fragt sich unwillkürlich, wie man selber auf so eine ungewöhnliche Situation reagieren würde.

Der Richter erinnert sich nur zögerlich, dass sie beide tatsächlich befreundet waren. Erst jetzt begreift er aber, dass er damals wohl Doveles einziger Freund gewesen ist. Beschämt tauchen Bilder in ihm auf, wie sie beide in einem Jugendcamp die Ferien verbrachten und er, als Dovele von allen gehänselt und erniedrigt wurde, sich nicht für den Freund eingesetzt hat. Von diesem Camp wurde Dovele vorzeitig abgeholt, weil seine Mutter verstorben war, eine Tragödie für den Jungen, der in der Mutter den einzigen Trost und Halt verliert. Eindringlich geschrieben, verfolgt man diese Angelegenheit einigermaßen atemlos, ohne doch am Ende so recht zu verstehen, was Dovele mit dieser Auflösung seiner selbst eigentlich bezwecken wollte.

 

Brigitte Tietzel

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