Tietzels Tipp: Der Ursprung der Welt von Ulrich Tukur

In einer nicht allzu fernen Zukunft reist der Deutsche Paul Goullet nach Paris, einerseits um seinem Land für eine Weile zu entfliehen, weil Deutschland wegen zunehmender politischer Unruhen in den Nachbarländern und endloser Flüchtlingsströme im Chaos zu versinken droht, andererseits, weil er noch nie in Paris war, und drittens möchte er ein bestimmtes Gemälde im Original sehen, das er bisher nur in billigem Postkartendruck kannte. Dabei handelt es sich um das Gemälde des französischen Malers Gustave Courbet, das einen nackten weiblichen Torso zeigt, mit direktem Blick auf die Vagina. „Der Ursprung der Welt“, so der Titel, dient hier als Titel für das Buch. Warum das aber geschah, bleibt mir verschlossen. Außer ein paar unbedeutenden Erwähnungen hat dieses Gemälde weiter keinerlei Bedeutung für das Geschehen im Roman.

         Goullet findet auf dem Flohmarkt in Paris ein etwa 100 Jahre altes Fotoalbum und erkennt darin auf zahlreichen Fotos einen Mann, der eine so außerordentliche Ähnlichkeit mit ihm selber hat, dass er sich auf den Weg nach Südfrankreich und auf die Spuren dieses merkwürdigen Doppelgängers macht. Frankreich befindet sich in einem Zustand wie in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, als es von den Deutschen besetzt war, nur sind es diesmal die Franzosen selber, die Angst und Schrecken unter Ihre Landsleute bringen. Goullet gerät immer wieder in Polizeikontrollen. Es herrscht ein Klima des Misstrauens und der Unsicherheit.

Und nun beginnt eine absonderliche und absurde Geschichte, denn Goullet begegnet Menschen, die irgendwie mit ihm zusammenhängen. Sie haben Verbindungen zu einem im Untergrund arbeitenden Widerstand. Goullet verliert verschiedentlich das Bewusstsein und träumt dann von dem Mann, der er offensichtlich gewesen ist. Man muss bereit sein, sich darauf einzulassen, dann ist die Geschichte richtig spannend. Tukurs Sprache und Erzählweise sind von einer Eindringlichkeit, die einen Sog ausübt und einen zum Weiterlesen zwingt. Ehe man sich versieht, ist man in zwei Geschichten verstrickt, die des Paul Goullet und die des Prosper Genoux, der immer mehr Gestalt annimmt. Beide begegnen sich in ihren Träumen, oder besser Albträumen. Das ist wirklich meisterlich erzählt. Prosper Genoux war während der Nazi-Zeit ein Kollaborateur und Sadist. Für die Beschreibung seiner Untaten versprüht Tukur eine fürchterlich überbordende Phantasie, die mich abstößt, und obwohl er im Nachwort beteuert, dass die tatsächlichen Verbrecher, die als Vorbild gedient haben, noch viel entsetzlicher vorgegangen sind, liest sich das nur halb überzeugend.

         Der Autor hat den großen zeitlichen Abstand, der die beiden Protagonisten trennt durch die Traumrealitäten zu überbrücken gesucht. Das macht eine befriedigende Lösung am Ende für den Leser (oder besser, eine Leserin wie mich, die ich im Allgemeinen weder Science Fiction noch Fantasy mag) schwierig zu akzeptieren. Obwohl das Ende, bei aller Skepsis muss ich dies zugestehen, doch gut gelungen ist. Ungewöhnlich. Lesenswert.

Brigitte Tietzel

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