Tietzels Tipp: Dieser weite Weg von Isabel Allende

Das ist die Geschichte des Arztes Victor Dalmau, der im Bürgerkrieg gegen Franco sein Handwerk sozusagen erst erlernen musste, da er zwar Medizin studiert, aber noch lange keinen Abschluss gemacht hatte. Sein Bruder fällt im Kampf und Victor flieht mit dessen schwangerer Braut, Roser, über viele Umwege nach Chile auf einem von Pablo Neruda gemieteten Schiff. Die Umstände dieses Bürgerkriegs und die Entbehrungen der Flucht sind eindringlich beschrieben, zumal die geschichtlichen Fakten den Hintergrund bilden, und man liest das nicht ohne innere Bewegung. Die vielen Zufälle, die schon hier die ganze Angelegenheit immerzu zum Guten wenden, möchte man noch akzeptieren.

Dann aber verliert man die Personen, die sich nicht mehr wirklich entwickeln. In kurzen Abschnitte beschreibt Allende die politischen Ereignisse in Chile bis zur Revolution, die die Linken und Salvador Allende an die Macht brachten, dessen Ermordung 1973, Pinochets Machtergreifung, die neuerliche Flucht Victors und Rosers nach Venezuela, ihre schließliche Rückkehr und ihren Tod in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Um gemeinsam nach Chile einreisen zu können, hatten Victor und Roser heiraten müssen. Das Kind, mit dem die Frau schwanger war, Marcel, wächst als beider Sohn auf. Ihre anfänglich geschwisterliche Zuneigung wird sich mit den Jahren in eine feste Liebe verwandeln. Zwischendurch aber geht jeder verschiedentlich Abenteuern oder Liebschaften nach. Victor hat, ohne es zu wissen, mit einer Chilenin aus bestem Hause ein Kind. Das Mädchen wird zur Verdeckung der Schande aufs Land geschickt, wo sie ihr Kind bekommt. Der kleine Sohn stirbt. Die Frau heiratet danach ihren ehemaligen Verehrer und wird mit diesem glücklich. Roser wiederum hat Jahre lang ein Verhältnis mit einem alten Freund aus spanischen Tagen, der ihr damals zur Flucht verholfen hatte. Man liest das alles ohne innere Emotionen, die Ereignisse werden aufgezählt, eingebettet in die politischen Umbrüche. Victor, den man nach der Ermordung Allendes, den er gut kannte, gefangen genommen und gefoltert hatte, rettet trotzdem einen widerlichen Lagerkommandanten, als dieser einen Herzanfall hat. Zu guter letzt taucht auch noch Victors tot geglaubtes Kind wieder auf, das in Wirklichkeit ein Mädchen ist, das zur Adoption frei gegeben worden war. Das ist alles ein bisschen viel des Guten.

Zwischendurch gibt es immer wieder Passagen von großer Eindringlichkeit, die zeigen, dass Allende eine gute Erzählerin ist. Aber dann wird alles irgendwie in kurzer Zusammenfassung abgebrochen. Eigenartig  Allende kann schreiben, aber man bekommt schließlich den Eindruck dass sie immer weiter schreibt, obwohl die eigentliche Geschichte längst zu Ende ist. Statt sich auf die Hauptcharaktere zu konzentrieren und deren Entwicklung glaubhaft zu machen, zerfleddert das Ganze in uferlosen Beschreibungen der verschiedenen Begebenheiten. Weniger wäre mehr.

Brigitte Tietzel 

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