Tietzels Tipp: Der Wal und das Ende der Welt von John Ironmonger

Das ist eine ungewöhnliche, ein bisschen verrückte Geschichte, die an bestimmten Stellen äußerste Grenzen zu überschreiten scheint. Das wiederum gibt dem Leser ein Gefühl, als brauche er sich nicht wirklich zu beunruhigen, weil das Szenario denn doch zu übertrieben und damit unrealistisch scheint. Und doch lässt einen der bedrückende Gedanke nicht ganz los, dass schließlich doch alles auch im richtigen Leben so kommen könnte. Und das liegt daran, dass der Autor eine gleichzeitig beklemmende und unterhaltsame Mischung gefunden hat, aus gut recherchierten Fakten und Zusammenhängen und einer dichterischen Freiheit, die ohne nachprüfbare Erklärungen auskommt.

         Es geht um nichts weniger als tatsächlich das Ende der Welt, herbeigeführt u. a. durch die skrupellose Gier von Bankern, die sich an der Not und dem Untergang von Firmen durch Spekulationen bereichern. Joe Haak ist Mathematiker und hat für seine Bank ein Computer-Programm entwickelt, das in einem besonderen Algorithmus Verbindungen beobachtet und in Sekundenschnelle Reaktionen herausfindet, die der Bank erlauben, schneller als andere finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Wir leben nicht mehr in autarken Dorfgemeinschaften an sauberen Flüssen, sondern alles hängt mit allem zusammen. Jeder Einzelne und erst recht ganze Firmen und Industrien sind abhängig von bestimmten Dingen – Strom, Wasser, Öl –, die sie nicht selber produzieren. Und wenn die Versorgung ausfällt, so ist man „drei volle Mahlzeiten entfernt von der Anarchie“. Dass so etwas tatsächlich geschehen könnte, ist keineswegs unrealistisch. Im Buch ist es eine weltweite Pandemie, ein gefährlicher Grippevirus, der die Menschen millionenfach tötet und damit das Leben weltweit lahm legt.

         Joe Haak läuft vor den apokalyptischen Voraussagen seines Computer-Programms davon bis zum Ende, nein, nicht der Welt, aber doch Englands, und landet in dem 300 Seelen Fischerdorf St. Piran in Cornwall. Er wird eines Morgens nackt am Strand gefunden, sein teurer Wagen steht auf dem Dorfplatz, seine Kleider liegen irgendwo am Strand, und es scheint so, dass er durch einen Finnwal aus dem Meer an die Küste geworfen und somit gerettet worden ist. Es ist spannend, anrührend und gut erzählt, wie dieser Joe, ein  Banker und Stadtmensch ganz und gar, in dieser kleinen Welt ankommt und sich schließlich dort heimisch fühlen wird. Als der Wal seinerseits strandet, gelingt es Joe und den Fischern, ihn zurück ins Meer zu hieven, eine außerordentliche Anstrengung, die sie alle verbindet. Was Joe, der die Katastrophe dank seines Computers kommen sieht, macht, um die Menschen des Dorfes zu retten, ist wiederum unglaublich und hat doch Hand und Fuß. Es gibt in dieser durchweg heilen Welt auch gewisse Konflikte, so verliebt Joe sich in die Frau des Pfarrers, und man möchte die ganze Geschichte hintereinander weg lesen. Und doch sind mir die Menschen ein bisschen zu lieb, vor allem Joe selbst. Und dass die größten Schwierigkeiten sich einfach harmonisch auflösen, ist doch ein bisschen zu viel an Harmlosigkeit. Aber gut: besser, als dass die Welt tatsächlich auseinander bricht, ist es allemal.

Brigitte Tietzel

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