Tietzels Tipp: Metropol von Eugen Ruge

Dies ist ein Roman, und was die Beschreibung der Gedanken und Befindlichkeiten der dargestellten Personen angeht, so hat Ruge versucht, sich in diese Menschen hinein zu versetzen, wissen kann er nicht, wie das damals gewesen ist. Denn dieser Roman beruht auf einer wahren Geschichte, nämlich der von Ruges Großmutter Charlotte, die bis zu ihrem Tod niemals auch nur ihren Aufenthalt in Russland erwähnte, geschweige denn, dass sie einen Einblick in ihre damalige Gemütsverfassung gegeben hätte. Aber die Kaderakten der Großeltern, die Ruge eingesehen hat, machen die historischen Fakten deutlich.

Charlotte und ihr zweiter Mann, Wilhelm, waren überzeugte, man muss sagen: gläubige Kommunisten, und sie haben Deutschland, von den Nazis verfolgt, in den 30er Jahren verlassen, um im gelobten Russland Unterschlupf zu finden und beim Aufbau einer neuen Gesellschaft als Mitglieder des Nachrichtendienstes der Komintern mitzuhelfen. Es waren aber dies die Jahre des Höhepunktes von Stalins sogenannten Säuberungen, 1936/37, in denen jedermann Gefahr lief, ohne Angabe von Gründen und ohne Gerichtsverhandlung erschossen zu werden.

Charlotte und Wilhelm müssen erfahren, dass ein Genosse, den sie hoch schätzten, jetzt als Volksfeind in einem Schauprozess zum Tode verurteilt wird. Obwohl beide kaum glauben können, dass das wahr ist, ist es doch gleichzeitig völlig unmöglich, es nicht zu glauben. Diese absolute Parteitreue, die Überzeugung, dass die Säuberungen notwendig seien, egal, was man selber denkt, das ist unbeschreiblich erschreckend. Als die beiden in Ungnade fallen und ins Hotel Metropol abgeschoben werden, versuchen sie, durch Briefe und Erklärungen und vor allem Schuldbekenntnisse die Partei von ihrer Ehrlichkeit und absoluten Loyalität zu überzeugen. Und sind doch hilflos ihren immer stärker werdenden Ängsten ausgeliefert. Nach und nach werden andere Genossen in dem Hotel untergebracht, offensichtlich auch sie in Ungnade gefallen. Man vermeidet einander, so gut es geht, was einigermaßen kurios ist, weil man mittags gemeinsam isst. Am Höhepunkt ihrer Verzweiflung bekommt Charlotte Arbeit in einem deutschen Verlag. Sofort scheint sie wieder mit den Wölfen zu heulen, betrügt ihren Mann, der weiterhin arbeits- und hoffnungslos dahin vegetiert. Dann aber werden sowohl in dem Verlag als auch in dem Hotel Schlag auf Schlag die Menschen abgeholt, verhaftet. Im Nachwort nennt Eugen Ruge die echten Namen und ihre Todesdaten. Es ist unfassbar. Warum seine Großmutter und sein Stiefgroßvater, die insgesamt viereinhalb Jahre in Russland waren, überlebt haben, weiß er nicht: Zufall, Willkür, wer kann das sagen. Als Charlotte und Wilhelm nach Deutschland zurückkehren, werden sie von den Nazis in Ruhe gelassen.

Ein Richter, der ebenfalls im Hotel wohnt, soll über 30 000 Todesurteile unterschrieben haben. Er wird nicht der einzige gewesen sein. Sehr vorsichtig beschreibt der Autor, dass seine Großeltern bei allem vielleicht doch Zweifel gekommen sein mögen. Das aber bleibt im Ungewissen. Metropol ist ein mutiges Buch und eines, das man trotz der schrecklichen Ereignisse nicht weglegen kann, weil es so eindringlich geschrieben ist.

Brigitte Tietzel

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