TietzelsTipp: Alles, was passiert ist von Yrsa Daley-Ward

Das ist eine sehr eigenwillige Sprache, in der die Autorin erzählt, was in ihrem Leben passiert ist. Wie wörtliche Rede, so als ob sie die ganze Zeit zu uns spricht. Kurze Sätze, abgebrochene Sätze, aufblitzende Gedanken, Ideen, Beobachtungssplitter. Manchmal gibt es nur einen Satz pro Seite, manchmal fängt jeder Satz in einer neuen Zeile an, manchmal muss man das Buch auf den Kopf drehen, um einen Satz lesen zu können. Es gibt aber natürlich auch zusammenhängende Berichte, Erzählungen, Überlegungen. Man soll nicht glauben, dass hier unbedingt etwas Neues ausprobiert werden sollte. Das ist vielmehr eine logische Form für eine unglaublich dichte Geschichte, die da erzählt wird: von zwei Kindern zunächst – Yrsa und ihrem kleinen Bruder Little Roo – , die eine dunkle Hautfarbe haben und in Nordengland bei ihrer Mutter Marcia wohnen. Marcia hat drei Kinder von verschiedenen Männern. Der Älteste, Salomon, ist schon außer Haus. Die Freunde der Mutter sind manchmal nett zu den Kindern, manchmal eine Pein und auf jeden Fall keine große Hilfe. Deswegen werden Yrsa und Little Roo für einige Jahre zu den Großeltern gegeben. Dort ist alles ordentlich und geregelt. Im Sinne einer strengen Gottgläubigkeit wird die Welt und alles was darin ist, Menschen, Essen, Vergnügungen, beurteilt nach gut und böse.

Sobald die beiden schließlich wieder zurück zu ihrer Mutter dürfen, bricht die große Freiheit aus. Denn Marcia arbeitet nachts und schläft tagsüber. Yrsa, inzwischen 11, 12, 14 Jahre alt, entdeckt ihre Sexualität und die Macht, die damit einhergeht. Da sie eine sehr schöne schwarze Frau oder besser erst mal Kindfrau ist, übt sie eine große Anziehungskraft auf Männer aus, was sie auszunutzen versteht. Die einfachen, rührenden, naiven Kinderjahre sind vorbei. Yrsa nimmt Tabletten und Drogen aller Art, um ständig high zu sein, denn sie hat das Gefühl, sie muss unbedingt etwas erleben, sie muss brennen, nichts ist schlimmer als Langeweile. Little Roo kommt unterdessen auf andere Weise unter die Räder, er stiehlt und betrügt und bekommt es mit der Polizei zu tun. Einmal findet Yrsa einen Mann, in den sie sich verliebt, er macht ihr einen Heiratsantrag, sie zieht mit ihm zusammen. Dann stirbt ihre Mutter. Ohne dass sie recht begreift, wie es kommt, dass ihre Liebe sich davon schleicht, ist es eines Tages so weit. Sie trennt sich von William. Das kann nicht alles gewesen sein: die zukünftige Familie mit eigenen Kindern und diesem Mann. Der Leser tut sich vielleicht schwer mit der Alternative, die Yrsa da wählt, denn sie schläft mit irgendwelchen alten reichen Männern, mit vielen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Dann eines Tages landet sie in einem Pub und hört davon, dass man dort an einem bestimmten Tag seine Gedichte vortragen kann. Es wird nicht ausdrücklich ausgesprochen, aber man darf vermuten, dass das für Yrsa die Rettung sein wird. Ohne zu wissen, wonach sie die ganze Zeit gesucht hat, findet sie, was sie vom Leben will und was sie weiter bringen wird. Denn die Autorin hat ihren ersten Gedichtband als Selfpublisherin herausgegeben, der sich über 20 000 Mal verkauft hat. Heute ist sie Autorin, Dichterin und arbeitet als Model.

Brigitte Tietzel

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