TietzelsTipp: Winterbienen von Norbert Scheuer

Es ist das letzte Kriegsjahr, 1944. Egidius Arimond lebt in einem kleinen Städtchen in der Eifel. Seit Jahrhunderten gehörte die Familie in diese Gegend, seit Ambrosius Arimond, ein ehemaliger Mönch, sein Kloster 1492 wegen einer Liebschaft verlassen und sich hier niedergelassen hatte.

Egidius nun ist der Erste aus der Familie, der studiert und die Eifel verlassen hatte, aber nach dem Tode der Mutter zurückgekommen war. Er arbeitete in der Stadt zunächst als Gymnasiallehrer, wurde aber frühzeitig entlassen und kümmert sich nun nur noch um die Bienenzucht, die er von seinem inzwischen ebenfalls verstorbenen Vater übernommen hat. Auch die Bienenzucht geht auf den mönchischen Vorfahren zurück.

Es ist Krieg, und Egidius ist einer der wenigen Männer, die nicht zum Wehrdienst eingezogen wurden, denn er ist Epileptiker. Auch den Fängen  der Nazis, die solche Menschen normalerweise für überflüssig halten und als „unwertes Leben“ betrachten, ist er auf eher unerfindliche Weise entkommen. Er nimmt an, dass er das dem Ruf seines Bruders zu verdanken hat, der als Kampfflieger wegen zahlreicher Feindabschüsse ein hoch dekorierter Held ist. Da Egidius auch wegen der Unterstützung mit Medikamenten durch seinen Bruder länger keine epileptischen Anfälle mehr hatte, ist nicht jedem im Ort klar, warum er nicht im Krieg kämpfen muss wie alle anderen Männer und Söhne des Ortes, und er hat Feinde. Davon auf leichtsinnige Weise unberührt, lebt Egidius mit seinen Bienen, hat verschiedene Liebschaften im Ort und geht nahezu täglich in die Bibliothek, wo er auf den Spuren seines Urahnen Ambrosius alte Aufzeichnungen aus dem Lateinischen übersetzt. Auf geheimnisvolle Weise werden ihm dort Nachrichten übermittelt, die ihn bitten, Juden über die nahe gelegene Grenze nach Belgien zu schaffen. Ohne zu wissen, wer hinter dieser Organisation steckt, macht er das. Er kennt sich bestens in der Gegend aus, er besitzt Bienenvölker an der Grenze, um die er sich kümmern muss und kann die Flüchtlinge einigermaßen unauffällig mit seinen Bienenstöcken nachts dorthin transportieren. Obwohl dies immer gefährlicher wird, tut er es, weil er das Geld für seine Medikamente braucht. Der Nachschub durch seinen Bruder wird seltener, ein Rezept kann er sich nicht ausstellen lassen, weil er Gefahr laufen würde, denunziert zu werden, und der bösartige Apotheker nimmt ihm immer mehr Geld dafür ab; schließlich verwehrt er ihm die Medikamente vollständig.

Je mehr auch der kleine Ort in der Eifel vom Krieg heimgesucht, das heißt von den Alliierten bombardiert wird, je mehr Häuser in Trümmer fallen, Soldaten untergebracht werden müssen und die Welt sich überhaupt in Auflösung befindet, desto schlimmer werden auch Egidius Anfälle. Als die Gestapo ihn nach Köln bringt und foltert, kann er keine Geheimnisse preisgeben, denn er kennt keine. Wegen seiner Krankheit erlebt er das Ende des Krieges nicht bewusst. Er überlebt, weil Menschen, denen er geholfen hat, jetzt ihm helfen. In Ich-Form und weitgehend im Präsens geschrieben, daher sehr eindringlich. Man lernt außerdem auf unaufdringliche Weise eine Menge über die Bienen.

Brigitte Tietzel

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