Kaffee, Küsse, Katastrophen – eine Silvester-Kurzgeschichte. Part 3

Hier findet ihr Part 1

und hier Part 2.

Die nächsten beiden Tage plätscherten so dahin. 

Emma schaffte es nicht nur, ihr Buch zu Ende zu lesen, sondern nutzte auch das ausnahmsweise zwischen den     Tagen mal vernünftige Fernsehprogramm, spielte mit Lou Karten (und eine verheerende Runde SingStar) und war mit ihr und ihrem Bruder Tom im Zoo. Und in jeder freien Minute schrieb sie mit Adrian.

Als dann endlich der heiß ersehnte 31.12. gekommen war, traute sie sich vor Aufregung kaum aus dem Bett. Lou musste sie aus dem Zimmer schleifen und zu einer Dusche überreden, danach lief es dann schon besser. Als es jedoch an die Auswahl eines Outfits für die Party am Abend ging, wurde Emmas Gemütszustand wieder etwas kritisch. 

„Ich dachte, du hast gestern schon die Sachen rausgelegt, die du anziehen willst?“ Lou deutete irritiert auf den Stapel Klamotten, den Emma gestern aus dem Schrank geholt hatte, in der festen Überzeugung, das perfekte Outfit gefunden zu haben. Heute war sie sich da schon wieder nicht mehr so sicher.

„Meinst du nicht, dass es irgendwie…“ Emma suchte vergeblich nach dem passenden Wort. „Irgendwie nicht das Richtige ist?“ Sie hielt sich mit zweifelndem Blick den schwarzen Jeansrock und den enganliegenden roten Rollkragenpullover an. 

„Nö, finde ich ganz und gar nicht,“ entgegnete Lou, „Und selbst wenn, du würdest ihm wahrscheinlich auch in einem Kartoffelsack gefallen.“

„Wem?“, fragte Emma ein bisschen zu schnell. Lou antwortete nicht, stemmte nur eine Faust in die Hüfte und hob wissend eine Augenbraue, bevor sie auf den Flur verschwand.

„Ich finde du solltest das anziehen, was dir gefällt“, rief sie dann doch noch über die Schulter zurück, „So macht das die emanzipierte Frau im 21. Jahrhundert.“

Emma lachte und entspannte sich ein wenig. Lou hatte ja Recht. Natürlich wollte sie Adrian gefallen (Da, sie hatte es gesagt!), aber trotzdem wollte sie sich ja noch wohl in ihrer Haut fühlen. Und schließlich hatte er sie ja auch schon in ihrem Arbeitsdress und einem Haufen Kunstschnee gesehen und ihr geholfen, obwohl er auch einfach hätte weitergehen können. 

Lous grinsendes Gesicht erschien noch einmal in der Tür. „Meinst du, du bekommst deinen Kuss um Mitternacht?“

Lachend warf Emma ein Paar Socken nach ihr. „Ich meine gar nichts“, sagte sie, „Denn wer nichts erwartet kann auch nicht enttäuscht werden.“

„Weise Worte.“ Lou nickte anerkennend.

Als Emma sich dann endlich auf den Weg zur Party machte, war sie doch ganz zufrieden mit ihrem Outfit. Es half allerdings nicht gegen die zunehmende Übelkeit die in ihr aufstieg.

Vielleicht war diese Party doch eine blöde Idee gewesen. Sie kannte eigentlich niemanden außer Adrian und der wollte wahrscheinlich nicht den ganzen Abend nur mit ihr rumhängen. Und mit Florian hatte sie vor letzter Woche kaum ein Wort gewechselt und ihn nach dem kurzen Besuch bei ihm nicht mehr gesehen. Sie seufzte und wollte sich gerade mit der Hand übers Gesicht fahren, als ihr gerade noch rechtzeitig einfiel, dass sie Mascara aufgetragen hatte. 

Als sie jedoch auf Florians Straße ankam, sah sie schon von Weitem Adrian vor dem Gartentor warten, und spürte ihre Vorfreude wieder ansteigen. Er begrüßte sie mit einer Umarmung. “Schickes Outfit,” sagte er und Emma grinste. Danke, Lou.

Die Beiden gingen durch das offene Tor in den Garten, wo sich schon eine kleine Menschenmenge gesammelt hatte. Zu Emmas Überraschung fiel ihr sofort ein bekanntes Gesicht auf, das keinem alten Schulkameraden gehörte.

“Tobi!” Was machte denn der Weihnachtself aus Carlas Café hier? Auch er schien sie erkannt zu haben (kein Wunder, bei der Vorstellung die sie ihm bei ihrem letzten Treffen geboten hatte) und lächelte ihr zu.

“Hi. Emma, richtig?” Er hielt ihr die Hand zum Einschlagen hin.

“Genau.”

Er deutete auf den jungen Mann neben sich. “Das ist mein Freund, Ben. Ist das da drüben dein Anhängsel?” Er gestikulierte grinsend in Richtung Adrian, der gerade Florian begrüßte.

Emma spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde, und betete, dass ihr Make Up jedwedes Erröten verhindern würde. “Wenn dann bin ich seins”, versuchte sie es witzig und fuhr ausweichend fort: “Ohne ihn würde ich jetzt Zuhause auf dem Sofa versauern.”

“Glück gehabt.” Tobi zwinkerte ihr zu, “Ich hab das meiner großen Schwester zu verdanken – sie ist Flos Freundin.”

“Ach, was für ein Zufall”, Emma lächelte, “A propos, die Gastgeber sollte ich vielleicht auch mal begrüßen. Wir sehen uns später?”

“Klar.”

Emma ging in Richtung Florian, seiner Freundin und Adrian, und wurde von ersterem direkt enthusiastisch begrüßt: “Die gute, alte Emma! Schön, dich zu sehen.” Auch er umarmte sie. “Das ist Sarah, meine Freundin und Oskars Mutter.” Die brünette Frau neben ihm, lächelte Emma zu. “Schön, dich kennenzulernen. Auf die Gesellschaft vom Zwerg müssen wir heute wohl verzichten; er ist bei Oma und Opa zu Besuch.“

Sie wirkte seltsam ruhig im Vergleich zum allgemein eher überbordenden Florian. Ganz angenehm eigentlich, fand Emma.

“Hat dir deine Begleitung denn schon etwas zu trinken besorgt?”, fragte Florian und Emma sah, dass Adrian beim Wort ‘Begleitung’ errötete. Tja, hätte er wohl besser mal Foundation benutzt! Emma grinste. 

“Bisher noch nicht. Ich bin aber auch direkt verschwunden um jemanden zu begrüßen, also war es wohl mehr meine Schuld.”

Florian deutete ausladend auf die mit viel Glitter und Lametta geschmückte Bar auf der Terrasse und grinste sein breites Grinsen. “Dann auf zu den Cocktails – alles nur solange der Vorrat reicht.”

Die Cocktails waren wirklich gut. Generell hatte Emma mehr Spaß, als sie erwartet hatte, und auf jeden Fall mehr, als sie auf Dennis’ Hochzeit gehabt hätte. 

Sie fand sich für einen Großteil des Abends an einem Stehtisch wieder, den neben ihr und Adrian auch Tobi und Ben, Florian (wobei der immer wieder weg war um mit den anderen Gästen zu reden) und Sarah (mit der sich Emma wirklich gut verstand) umringten. Zu den Cocktails gab es auch ein Fingerfood-Buffet, Salate und frisch gegrillte Würstchen, sodass alle sich mehr als satt essen konnten. 

Bevor sie sich versah und früher als es Emma lieb war – war sie doch gerade in einer angeregten Unterhaltung mit Tobi über die Vorzüge von Geisha Kaffeebohnen im Vergleich zu Kopi Luwak (während alle anderen am Tisch sie irritiert musterten) – ging es schon auf 12 Uhr zu und Florian entschuldigte sich, um Wunderkerzen zu verteilen. 

“Wir machen nämlich kein richtiges Feuerwerk”, berichtete er stolz, “Ist besser für die Umwelt und von hier aus kann man eh die Show der ganzen Stadt bewundern.”

Emma war das mehr als Recht. Sie fand so ein Feuerwerk zwar ganz hübsch, aber hatte zwischen sich und der Zündschnüre gern etwas Abstand. Außerdem erinnerte sie sich noch zu gut daran, wie wahnsinnig die Explosionen und der Rauchgeruch ihren früheren Nachbarshund gemacht hatten.

Neben den Wunderkerzen verteilte Florian auch Teelichter auf jedem Tisch, sodass sie die Funken auch alle pünktlich und gleichzeitig sprühen lassen können würden. Auf dem Fernseher im Wohnzimmer, der so gedreht war, dass er von der Terrasse aus einsehbar war, lief schon ein Countdown, der langsam auf die letzte Minute zuging.

Emma blickte sich um und sah, dass sich jeder, der mit seinem Partner hier war (und das war dann doch die Mehrheit), diesen schnappte, um zusammen ins neue Jahr zu starten. Und so sehr sie die Party bis jetzt auch genossen hatte, kam sie sich jetzt einsam und fehl am Platz vor. Ihr Blick schweifte wie automatisch zu Adrian, der seine Augen fest auf den Bildschirm gerichtet hatte und den Countdown scheinbar konzentriert verfolgte. Doch gleichzeitig wirkte er unruhig und zappelig mit seinen auf der Tischplatte trommelnden Fingern und der Art und Weise wie er von einem Bein aufs andere trat.

Emma bemühte sich, nicht zu viel hineinzuinterpretieren (vielleicht war ihm einfach kalt), aber es gestaltete sich als immer schwieriger, nicht an ihr Gespräch vorhin mit Lou zurückzudenken. Sie wollte sich wirklich keine falschen Hoffnungen machen, was einen Kuss anging, aber das Kribbeln in ihrem Bauch würde ihr vernünftiges Gehirn bald übertönen. 

Oder sollte sie es einfach selbst in die Hand nehmen? Nein, so mutig war Emma dann doch nicht… Also versuchte sie es zu ignorieren und stimmte in den Chor der Stimmen ein, die von zehn runterzählten. 

Pünktlich um 12 Uhr jubelte sie mit den Anderen und beobachtete, wie Ben Tobi an sich zog und auch Florian und Sarah sich küssten. Und Adrian sie nicht. Und obwohl Emma sich geschworen hatte, nicht enttäuscht zu sein, setzte sich ein riesiger Kloß in ihrem Hals fest und lächeln wurde plötzlich sehr viel anstrengender. 

Die nächste halbe Stunde wurde sie, abgesehen davon, pflichtbewusst jedem ein frohes neues Jahr zu wünschen, ruhiger und sah sich lieber das Feuerwerk über den Dächern der Stadt an, als ein Gespräch zu beginnen. Adrian stieß sie sanft an der Schulter an. „Alles gut bei dir?“

„Ja, klar!“ Emma bleckte mehr die Zähne, als dass sie lächelte. „Ich bin nur etwas müde. Ich denke ich bleibe nicht mehr lang.“

„Oh.“ Irrte sie sich oder war da so etwas wie Enttäuschung in seiner Stimme?

Als Emma sich dann wenig später tatsächlich von allen verabschiedete, kam Adrian noch mit zum Gartentor.

„Ich begleite dich nach Hause“, sagte er.

„Das musst du nicht“, entgegnete Emma schnell, obwohl sie sich eigentlich über das Angebot freute. 

„Mache ich doch gerne“, lächelte er und so wanderten sie nebeneinanderher durch die dunklen Straßen. Ab und zu stieg noch eine einzelne Rakete in die Luft, aber die meisten Menschen schienen sich schon wieder zurückgezogen zu haben oder innen weiterzufeiern. 

Auf Emmas Straße war es ähnlich. Hier und da glühte noch etwas auf dem Boden vor sich hin – sie bemühten sich, in nichts davon hineinzutreten – aber ansonsten war alles ruhig.

Vor ihrer Haustür drehte Emma sich nochmal zu Adrian um. Während des gesamten Weges hatte Emma überlegt, ob sie ihn noch in die Wohnung einladen sollte – auf einen Kaffee oder so. Lou feierte Silvester immer bei ihrer Familie, es wäre also perfektes Timing. Aber dann erinnerte sie sich daran, wie es sich angefühlt hatte, um Mitternacht ungeküsst zu bleiben, und beschloss, nichts zu sagen. Eine weitere Enttäuschung heute könnte sie nicht ertragen.

„Also dann…“ Sie schlenkerte unbehaglich mit den Armen, unsicher wie sie sich verabschieden sollten.

„Ich verbringe gerne Zeit mit dir“, platzte es aus Adrian heraus und Emma erstarrte. 

„Ich… verbringe auch gerne Zeit mit dir“, sagte sie langsam.

„Und ich… ach Mann!“ Er verzog das Gesicht. „Hätte ich dich eben küssen sollen?“ Emma konnte nicht anders, sie brach in schallendes Gelächter aus.

„Das ist dann wohl ein nein“, murmelte Adrian mit verletzter Stimme und Emma bemühte sich schnell, sich wieder unter Kontrolle zu kriegen.

„Nein!“, sagte sie laut, „Nein, ich lache nur…“ Sie rang um Worte. „…über die Absurdität der Situation.“

„Okay…?“ Adrian sah zweifelnd aus. 

Emma entschied sich, dass es an der Zeit wäre, ins kalte Wasser zu springen. „Ich habe mir sogar gewünscht, dass du mich küsst“, gestand sie, „Aber dann dachte ich, vielleicht habe ich es doch falsch interpretiert oder es geht dir einfach zu schnell oder-„

Adrian unterbrach sie, indem er eine Hand auf ihre Wange legte. Sie starrte ihn an wie ein Reh im Scheinwerferlicht.

„Darf ich?“, fragte er. Sie konnte nur nicken und spürte im nächsten Moment, wie seine Lippen sich sanft auf ihre legten.

Vielleicht würde das neue Jahr ja wirklich besser werden.

2 Gedanken zu „Kaffee, Küsse, Katastrophen – eine Silvester-Kurzgeschichte. Part 3

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