Kaffee, Küsse, Katastrophen – eine Silvester-Kurzgeschichte. Part 1

Als Emma am Morgen des 27. Dezembers zu den Klängen von P!nks Get the Party Started aufwachte, galt ihr erster Gedanke der Erleichterung, dass die Weihnachtstage vorbei waren. Kein Geschenkestress mehr, keine verbrannte Gans im Ofen und George Michael im Himmel sei Dank nicht mehr Last Christmas jeden Morgen. 

Gähnend drehte sie sich auf die Seite um ihren Radiowecker auszustellen (im Grunde konnte sie Get the Party Started auch schon fast seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr hören) und noch ein bisschen weiterzuschlafen. Um den Stress, das Chaos und den Kummer der letzten Tage zu verarbeiten, brauchte sie noch etwas mehr Zeit.

Als sie sich jedoch gerade wieder in die warme Decke gewickelt hatte, schaltete sich auch mal ihr Kopf ein, und erinnerte sie daran, dass die gefürchteten Weihnachtstage zwar vorbei waren, aber somit auch die Rückkehr zum Alltag einläuteten. Panisch drehte Emma sich zurück zu ihrem Wecker und registrierte, dass sie jetzt schon eine Stunde zu spät war und außerdem weit davon entfernt, fertig gemacht zu sein oder die halbstündige Radtour zum Café bestritten zu haben. 

„Verdammt!“

Hastig strampelte sie sich aus ihrer Bettdecke, sprang auf und sprintete zum Bad, wobei sie auf dem Weg (völlig unabsichtlich) den Weihnachtsstrumpf mit dem grässlichen Strickmuster zu Boden riss, den ihre Mitbewohnerin Lou als Dekoaccessoire in den Flur gehängt hatte. Diese besetzte natürlich gerade das Bad.

„Mach auf, ich bin spät dran!“ Emma rüttelte an der Klinke und fiel Lou dann fast entgegen, als sie die Tür öffnete. 

„Dir auch einen guten Morgen, Grinch.“ Lou beäugte missbilligend den am Boden liegenden Strumpf. „Das ist ein Erbstück, weißt du.“ 

Emma verdrehte die Augen und schob ihre Freundin aus dem Weg. „Den hast du letztes Jahr im 1-Euro-Shop gekauft.“

„Er ist mir trotzdem sehr wichtig!“, rief Lou gegen die zugehende Tür. 

Drinnen stützte Emma sich am Rand des Waschbeckens ab und starrte in ihr verschlafenes Spiegelbild. Sie war in den Wochen vor Weihnachten fast jeden Tag zu spät zur Arbeit gekommen. Dass Carla, die Leiterin des Cafés, das nicht gutheißen konnte war klar, aber sie hatte ihr trotzdem noch über Weihnachten frei gegeben.  Und womit dankte sie ihr das? Indem sie an ihrem ersten Tag zurück gleich wieder viel zu spät kam…

Emma unterzog sich einer Katzenwäsche und lief dann schnell zurück in ihr Zimmer, von wo aus sie Carla eine SMS tippte, dass sie verschlafen hatte und sich beeilte zu kommen. Sie zog sich um, schnappte sich ihre Jacke und stürmte in die Küche, wo sie Lou vermutete. 

„Kann ich dein Auto haben?“, fragte sie hektisch. Lou, die Ruhe selbst, nippte erstmal an ihrer dampfenden Tasse. Emma hätte sie am liebsten erwürgt.

„Das hat Tom“, antwortete sie. 

„Kann dein Bruder sich nicht mal ein eigenes Auto kaufen?“

„Kannst du dir nicht mal ein eigenes Auto kaufen?“

„Witzig.“

„Finde ich auch.“ Lou grinste frech. „Hab eine gute Fahrt. Es regnet übrigens.“

Emma stöhnte genervt auf, schnappte sich ihren Schlüssel und wagte sich hinaus. Tatsächlich, es schüttete wie aus Eimern. Ende Dezember konnte man ja wohl wenigstens Schnee erwarten…

Auf dem Weg zum Café stellte Emma einen neuen Rekord auf. Es lag vielleicht auch daran, dass der normale Berufsverkehr wegfiel (alle waren entweder schon auf der Arbeit oder urlaubsbedingt Zuhause), aber sie schaffte es, ihre normale Zeit um 4 Minuten zu unterbieten. Leider war sie damit trotzdem noch anderthalb Stunden zu spät. 

Völlig außer Atem stellte sie ihr Rad ab und stürzte ins Café. Die besonderen Weihnachtsdrinks, die Carla seit Anfang Dezember im Angebot hatte, schienen immer noch gut zu laufen – es war kein einziger Tisch frei. Das machte Emmas schlechtes Gewissen nur noch schlimmer. Carla war eine tolle Chefin und half auch gerne selbst mal im Servicebereich aus, aber Emma wusste aus eigener Erfahrung, dass es die Hölle war, so viele Menschen auf einmal zu bedienen. 

Als sie sich aber an der Schlange vorbei zur Theke durchgekämpft hatte, stellte sie fest, dass Carla gar nicht alleine war. Neben ihr stand ein junger Mann – Emma schätzte ihn auf Anfang 20 – und servierte souverän einen Kaffee nach dem anderen. Eine neue Aushilfe? Gerade war das allerdings unwichtig, denn Carla hatte sie entdeckt und sah nicht besonders glücklich aus. 

„Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid!“, rief Emma ihr zu und zog schon im Gehen ihre Jacke aus. Carla winkte sie hinter die Theke und drückte ihr gleich eine Tasse in die Hand. 

„Sei froh, dass Tobi so spontan einspringen konnte“, sagte sie ärgerlich, „Du kannst nicht einfach immer zu spät kommen und denken, dass ich es dir sowieso durchgehen lasse! Jetzt mach deinen Job!“ Und mit diesen Worten verschwand sie in ihrem Büro. Emma traten die Tränen in die Augen. Ihr war klar, dass sie wahnsinniges Glück hatte und bei jedem anderen Chef wahrscheinlich schon die Kündigung in der Hand hätte. Sie war Carla dankbar dafür, dass sie so viel Verständnis für ihre Situation zeigte, aber es war auch logisch, dass ihr irgendwann mal der Kragen platzte. Emma wusste ja selbst, dass sie als Arbeitnehmerin und eigentlich auch als Mensch allgemein aktuell eine Katastrophe war. 

Sie riss sich zusammen und bemühte sich, sich dem Rhythmus der neuen Aushilfe (Tobi, offenbar) anzupassen und bei seinem mitfühlenden Lächeln nicht in Tränen auszubrechen. Endlich klang der Ansturm etwas ab und sie hatten Zeit, sich einander vorzustellen. 

„Ich bin übrigens Emma.“ Er schlug grinsend in ihre ausgestreckte Hand ein. „Tobi. Der Weihnachtself.“ Ach klar! Emma hatte jedes Jahr über Weihnachten frei, also stellte Carla in der Zeit studentische Hilfskräfte ein, die sie liebevoll ‘ihre Weihnachtselfen‘ nannte. Dieser Elf hier war bestimmt froh, sich noch einen Tag mehr etwas dazuverdienen zu können. 

„Dafür, dass du das erst seit ein paar Tagen machst bist du aber echt gut“, stellte Emma beeindruckt fest. Tobi lachte.

„Ich helfe eigentlich ständig in Cafés aus“, gab er zu, „Ich brauche Geld und Kaffee machen ist mein einziges Talent.“ Das brachte sogar Emma zum Lächeln. Damit war ihre Unterhaltung aber auch schon wieder beendet, denn einer der gerade frei gewordenen Tische war von einer Gruppe Mädchen neu besetzt worden, die jetzt eine Massenbestellung aufgaben. 

Obwohl Emma normalerweise alleine hinter der Theke stand und es nicht gewohnt war, Aufgabenteilung zu betreiben, funktionierte ihr Teamwork wirklich gut. Dass sie sich am Ende freiwillig meldete um das volle Tablett zum Tisch zu bringen, war allerdings ein Fehler. Sie kam keine zehn Schritte weit bevor sie über eine Tasche stolperte, die jemand neben sich abgestellt hatte. 

Was dann geschah sah sie wie in Zeitlupe, wobei sie ihren eigenen Fall kaum registrierte. Dafür aber umso deutlicher das langsame Kippen des Tabletts nach vorne, wie die Tassen rutschten und über die Kante zu fallen drohten und es dann auch taten, wie die heiße Flüssigkeit auf den Boden und umliegende Hosenbeine spritzte und die Scherben über die Fliesen schlittern und schließlich zum Halten kamen und wie das ganze Café still geworden war und sie anstarrte. Emma saß inmitten des Chaos und traute sich kaum aufzublicken als eine Dame neben ihr hüstelte und konsterniert an ihrer kaffeebesprenkelten Hose heruntersah. 

Emma räusperte sich. „Das tut mir furchtbar leid. Ich werde- ich werde…“ Und dann brach sie in Tränen aus. 

Sie hatte gar nicht mitbekommen wie Carla aus dem Büro gekommen war, doch den Lärm von zerspringendem Geschirr hatte sie wohl kaum ignorieren könnenden. Sie beugte sich zum heulenden Häufchen Elend im Scherbenhaufen hinunter und zog sie sanft nach oben und zum Büro, während Tobi mit Lappen und Kehrblech herbeieilte. Die Tür fiel zu und Carla deutete auf den Stuhl vor ihrem Schreibtisch, auf dem sich Emma – immer noch schniefend – dankbar niederließ. 

„Ich weiß, dass dir diese Zeit momentan sehr zu schaffen macht“, begann Carla, „Aber so kann das einfach nicht weitergehen.“ Eine weitere Träne rollte Emmas Wange hinunter. „Dass man mal stolpert und etwas fallen lässt kann passieren, vor allem wenn es so voll ist und alle ihren Kram im Weg stehen lassen, aber du kannst dann nicht weinend im Chaos sitzen bleiben.“ 

Emma nickte nur; sie traute ihrer Stimme nicht. „Tobi macht die Arbeit wirklich gut und er würde sich freuen noch länger zu bleiben.“ Erschrocken sah sie auf. „Ich will ihm nicht deinen Job anbieten“, beschwichtigte Carla sie, „Ich denke nur es wäre besser wenn du noch ein paar Tage Zuhause bleibst. Entspann dich. Dann hast du dich hoffentlich nächstes Jahr wieder besser im Griff.“ 

Emma konnte sich gerade noch so davon abhalten, ihr um den Hals zu fallen. Carla und sie kannten sich schon ewig und verstanden sich auch wirklich gut, aber außerhalb des Cafés hatten sie sich noch nie getroffen und Emma hatte nicht gerade das Bedürfnis Carlas heutigen Eindruck von ihr noch seltsamer werden zu lassen. 

„Danke“, flüsterte sie, „Danke, dass du mir noch eine Chance gibst. Ich verspreche dir, nächstes Jahr bin ich wieder ich selbst!“ 

„Das wird schon. Jetzt geh nach Hause und lies ein gutes Buch oder so.“ Carla klopfte ihr grinsend auf die Schulter. Emma wischte ihre Tränen weg und versuchte sich an einem Lächeln. Sie stand auf, wünschte Carla noch einen guten Rutsch (möglichst nicht mit einem vollen Tablett in der Hand) und bahnte sich dann den Weg zurück durchs Café, penibel darauf bedacht, dass ihr nichts im Weg stand und sie keinem Blick begegnete außer Tobis, der ihre Kaffeestrophe schon beseitigt hatte, und dem sie zum Abschied zuwinkte. Die Freude, ihm die guten Job-Neuigkeiten mitzuteilen überließ sie Carla; gerade wollte sie nur noch raus.

Es regnete noch immer, aber jetzt war Emma fast dankbar dafür, da es den Grund für ihre nassen Wangen verschleierte. Sie wollte gerade auf ihr Rad steigen, als sie sah, dass der Vorderreifen platt war. Wahrscheinlich war sie in der Eile am Morgen durch Scherben gefahren. Emma stöhnte auf. Das war ja wirklich ein fantastischer Tag. 

Jetzt, wo sie schon gezwungen war zu laufen, konnte sie wenigstens noch ein paar Besorgungen machen. Entspannen konnte sie danach ja immer noch. Seufzend schob sie ihr Fahrrad die Straße runter in Richtung Einkaufszentrum. Da sollte sie eigentlich alles bekommen was sie brauchte. 

Neben Lebensmitteln und vielleicht einer regenfesten Jacke (wie sie am Morgen festgestellt hatte, fehlte ihr so eine) war das Wichtigste ein Geschenk für die Hochzeitsfeier zu der sie eingeladen war. Es war noch nicht so ganz zu ihrem Gehirn durchgedrungen, dass sie und ihre Freunde jetzt in dem Alter waren, in dem sie anfingen sich niederzulassen und über Familienplanung nachzudenken. Sie hatte das Gefühl gerade erst aus der Schule raus zu sein und fand, dass sich seitdem in ihrem Leben auch gar nicht so viel verändert hatte. Der Gedanke bald heiraten zu müssen um dem gesellschaftlichen Standard zu entsprechen, bereitete ihr Übelkeit. Dafür war sie noch nicht bereit. Außerdem erfüllte ihr aktueller Freund nicht die nötigen Voraussetzungen, wie zum Beispiel… zu existieren.

Emma bog direkt in den ersten Laden am Eingang ein, wo es Dekoartikel und allerlei hübschen Krimskrams gab. Ihr Plan war es, dem Brautpaar eine nette Kleinigkeit zu überreichen, an die sie noch etwas Geld gebunden hatte. Damit würden sie wohl am meisten anfangen können. 

Sie entschied sich für Mr. & Mrs. Tassen und eine Tüte herzförmiger Gummibärchen, mit denen sie sie füllen würde. Eigentlich ganz nett dafür, dass sie dem Bräutigam am liebsten ins Gesicht schlagen würde.

Ihre nächste Mission war es, Zutaten für ein leckeres Abendessen zu kaufen, dass sie später in Ruhe zubereiten können würde, bevor sie sich aufs Sofa legte. Vielleicht würde sie sogar ein Bad nehmen; das hatte sie schon ewig nicht mehr gemacht. 

Auf dem Weg zum Supermarkt durchquerte sie die Haupthalle des Einkaufszentrums, wo tragischerweise immer noch die Weihnachtsdeko (inklusive dem riesigen Weihnachtsbaum) stand. Um ihn herum tanzten zu Emmas Verblüffung mehrere Paare zum Schneewalzer – ein winterliches Klischee.

Der Stand der städtischen Tanzschule, an dem Emma jetzt vorbeilief, brachte etwas Licht ins Dunkel: wahrscheinlich eine Art Flashmob als Werbeaktion. Wobei bestimmt die Hälfte der Tanzenden zwar Spaß zu haben schien, aber wenig grazil wirkte. Auch dafür bot sich ihr schnell eine Erklärung. Im Nachhinein hätte sie jedoch lieber weiter gerätselt…

Ein Mann im Frack (im Frack!) stellte sich ihr in den Weg und bot seine Hand an. „Schenken sie mir diesen Tanz?“

Emma schüttelte energisch den Kopf. „Oh nein! Glauben sie mir, das wollen wir beide nicht.“

„Ich bitte sie.“ Er war beharrlich. „Ich verspreche ihnen, es wird Spaß machen.“

„Weder ihnen noch mir, fürchte ich. Ich bin eine grauenvolle Tänzerin.“ Und außerdem wirklich nicht in Stimmung hätte sie gerne noch hinzugefügt, doch da zog er sie schon in den Kreis der Tanzenden. Emma beschloss, dass es kindisch wäre, weiter Widerstand zu leisten, und dass es sicherlich schnell vorbei wäre, wenn sie sich nur etwas bemühte. Doch trotz bester Vorsätze schaffte sie es, ihrem Partner ständig auf die schicken Schuhe zu treten und in perfekter Autoscooter-Manier mit anderen Paaren zu kollidieren. Mittlerweile schien er selbst zu bereuen sie aufgefordert zu haben. 

Auf ein unsichtbares Zeichen hin, das Emma leider entging, wechselten alle ihre Partner. Ihr eigener schien so froh darüber, sie wieder loszuwerden, dass er sie besonders schwungvoll von sich weg schleuderte. Nur leider nicht in die Arme eines anderen Tänzers. Nein, Emma landete schon zum zweiten Mal an diesem Tag auf dem Boden – wenig gepolstert vom dünnen Kunstschnee unter ihr. Und ihr blöder Partner drehte sich noch nicht mal mehr um.

„Na vielen Dank auch“, grummelte Emma. Sie setzte sich auf und hörte ein Knirschen unter sich. Oh nein. Die Tassen! Bevor sie nachschauen konnte, hatte sie schon wieder eine ausgestreckte Hand im Gesicht. 

„Darf ich?“ Sie sah auf und in die Augen eines Mannes, der ihr vage bekannt vorkam und sie offenbar aus ihrer misslichen Lage befreien wollte. 

„Gern, danke.“ Sie ergriff seine Hand und ließ sich von ihm hochziehen. Als es dabei nochmals klirrte verzog sie in böser Vorahnung das Gesicht. 

„Das war aber kein Gentleman“, merkte ihr Helfer an, als Emma wieder auf sicherem Boden stand. 

„Das kann man wohl sagen“, stimmte sie ihm zu, „Und ich wollte noch nicht mal mit ihm tanzen!“ Er lachte und entblößte dabei strahlend weiße Zähne. Hm. Für ein schönes Gebiss hatte Emma schon immer eine Schwäche gehabt.

„Du sahst auch nicht besonders glücklich aus.“

Okay, schöne Zähne hin oder her, sie war in der Beziehung vielleicht etwas altmodisch, aber es war schon ein bisschen unhöflich jemanden sofort zu duzen, nur weil man den Anstand besessen hatte, denjenigen aus einem Haufen Kunstschnee zu retten. Obwohl Emma im ersten Moment ja auch gedacht hätte, dieses Gesicht schon mal gesehen zu haben…

„Entschuldige, aber… kennen wir uns? Aus dem Café vielleicht?“

„Ähm, nein, aus keinem Café.“ Er lachte verlegen und kratzte sich im Nacken. „Adrian. Wir waren in einer Klasse.“

„Oh!“ Emma hätte sich am liebsten mit der Hand gegen die Stirn geschlagen. „Klar, jetzt wo du es sagst. Ich hab dich gar nicht wiedererkannt!“

„Das nehme ich mal als Kompliment“, grinste er. Wenn Emma sich richtig erinnerte (und normalerweise hatte sie ein ganz gutes Gedächtnis), war er in der Schule eher unscheinbar gewesen. Ein kleiner, pummeliger Junge mit Zahnspange und Star-Wars-Rucksack. Die Zahnspange hatte sich definitiv ausgezahlt und auch sonst war ihm die Pubertät mehr als gut bekommen. 

Sie versuchte nicht zu starren und schaute sich stattdessen den deprimierenden Inhalt ihrer Einkaufstüte an. Die Tassen waren praktisch pulverisiert, aber immerhin lebten die Gummibärchen noch. Vielleicht sollte sie dazu etwas weniger Zerbrechliches kaufen, das wäre bei ihrem momentanen Glück sicherer.

„Du hast nicht zufällig eine Idee für ein stabiles Hochzeitsgeschenk?“, fragte sie Adrian, der fragend den Kopf schieflegte. 

„Ein stabiles Geschenk?“, wiederholte er. Emma hielt ihm die geöffnete Tüte hin. „Zumindest kein Porzellan.“

„Oh Mann“, lachte er, „Du hast aber echt Pech. Bis wann hast du denn noch Zeit dir was zu überlegen?“

„Vier Tage“, antwortete sie, „Aber eigentlich wollte ich das heute erledigen, wenn ich eh einmal hier bin.“

„Wer kommt denn auf die Idee an Silvester zu heiraten?“ 

„Dennis möchte eben, dass die ganze Welt mit ihm feiert.“ Emma verdrehte die Augen. „Und natürlich ein großes Feuerwerk.“

„Aber nicht der Dennis?“ Jetzt sah Adrian wirklich interessiert aus. Emma hatte vergessen, dass er Dennis natürlich auch kannte. Sie waren schließlich alle auf einer Schule gewesen. 

„Doch, genau der.“ Sie hatte gerade wirklich nicht die geringste Lust über Dennis zu reden. Die Badewanne in ihrer Wohnung schien immer verlockender.

„Wahnsinn“, staunte Adrian, „Auf den war ich immer eifersüchtig, weil alle Mädchen auf ihn standen. Und nachdem er sich die Beste ausgesucht hat und jahrelang mit ihr zusammen war, heiratet er eine Andere? Was für ein Trottel.“ Jetzt musste Emma doch lachen. 

„Ich war sicher nicht die beste Wahl. Er hätte Vanessa Wagner haben können“, grinste sie.  Adrian runzelte die Stirn. „War die auch auf unserer Schule?“

„Sogar in unserer Klasse“, sagte sie, „Dunkle Locken, groß, hübsch. Hatte immer das lauteste Lachen.“

„Sagt mir nichts.“ Er zuckte mit den Schultern. Ungläubig stemmte Emma eine Hand in die Hüfte. „Du erinnerst dich nicht an Vanessa Wagner, aber erkennst mich in einem Haufen Kunstschnee?“

„Du hast wohl einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen“, zwinkerte er. Emma konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen und sah zu Boden, damit er nicht sah wie sie errötete. Wieso überhaupt? Kein Grund verlegen zu sein, das war doch nur Adrian, ein alter Schulkamerad!

Er brach das Schweigen zuerst: „Aber es ist doch schön, dass ihr noch Freunde seid, du und Dennis. Wenn du zu seiner Hochzeit gehst seid ihr ja sicherlich im Guten auseinandergegangen.“

„Er hat mich betrogen“, erwiderte sie trocken, „Mit der Frau, die er jetzt heiratet.“ Adrian riss die Augen auf.

„Was willst du dann bei seiner Hochzeit?“

„Zu nett sein?“ Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich fand es unhöflich abzusagen.“

Das findest du unhöflich?“ Adrian schüttelte den Kopf. „Der Typ war mir schon immer unsympathisch. Selbst die kaputten Tassen wären noch ein zu gutes Geschenk für ihn.“ 

„Eigentlich will ich auch überhaupt nicht hingehen“, gab Emma zögerlich zu, „Könnte sogar tatsächlich logistisch schwierig werden. Die Feier ist irgendwo außerhalb; mit dem Bus kommt man da nicht hin. Ein Auto hab ich nicht und mein Fahrrad hat sich auch gerade verabschiedet. Ich glaube nicht, dass ich in den paar Tagen eine geöffnete Werkstatt finde, die es repariert.“

„Was ist denn kaputt?“, fragte er.

„Sag bloß du bist handwerklich begabt“, grinste Emma.

„Ich? Nee, ich hab zwei linke Hände.“ Er lachte. „Aber ein Freund von mir, Florian, den müsstest du auch noch kennen, der kennt sich ganz gut mit Rädern aus. Vielleicht kann er dir helfen.“

„Ja, ich erinnere mich. Mit dem warst du doch auch schon früher gut befreundet, oder?“ Emma hatte ein Bild im Kopf, wie die Beiden mit ihren brandneuen Game Boys auf der Tischtennisplatte auf dem Schulhof saßen. „Mein Vorderreifen ist platt. Wahrscheinlich bin ich durch Scherben gefahren.“

„Das kriegt er bestimmt hin“, sagte Adrian zuversichtlich, „Wenn du möchtest könnten wir direkt hingehen. Er wohnt nicht weit von hier.“

„Das wäre super!“ Dann war das wenigstens schon mal geklärt. Und Zeit hatte sie ja eh gerade genug.

Hier erfahrt ihr wie es mit Emma weitergeht! 😉

2 Gedanken zu „Kaffee, Küsse, Katastrophen – eine Silvester-Kurzgeschichte. Part 1

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