TietzelsTipp: Das wilde Leben der Cheri Matzner von Tracy Barone

Cheri Matzner ist adoptiert worden und fühlt sich ihr ganzes Leben sowohl erstickt von der Liebe ihrer Mutter als auch abgelehnt von ihrem Vater. Schon als Kind reagiert sie impulsiv, richtet sich gegen alle Erwartungen, die man an sie hat und fühlt sich als Fremde in ihrer Familie und in ihrer eigenen Haut. Da sie aber zu einem verhältnismäßig späten Zeitpunkt in ihrem Leben erfährt, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind, müssen ihre Gefühle als das gelten, was sie wirklich sind: der normale Prozess, den jeder junge Mensch mitmacht, der sich von seinen Eltern abgrenzen und abnabeln möchte, um seinen eigenen Weg zu finden. Mag sein, dass Cheri rebellischer und wagemutiger ist als andere und sich mit Leuten umgibt, die irgendwie am Rande der Gesellschaft stehen. Auch kommt sie früh mit Drogen in Kontakt und wird auch in ihrem späteren Leben häufig auf Alkohol und Tabletten zurückgreifen, um ihr Leben immer dann besser in den Griff zu bekommen, wenn es gerade wieder aus den Fugen gerät. Wenn es ihr dann aber tatsächlich gelingt, wieder Fuß zu fassen, dann genau in dem Moment, in dem sie noch rechtzeitig die Kurve kriegt und sich dem Suchtverhalten wieder entzieht.

Der Weg führt diese gleichzeitig haltlose und willensstarke Frau über einen harten Job bei der New Yorker Polizei, den sie nach einem brutalen Erlebnis aufgibt, als sie erkennen muss, dass ihr Wunsch, dazu zu gehören, eine schreckliche Täuschung war, zu einem Leben führt, das nicht gegensätzlicher sein könnte. Sie studiert alte Sprachen und vergleichende Religionswissenschaften und arbeitet als Universitätsprofessorin. Der Konflikt mit einem Studenten, der ihr vorwirft, ihn wegen seiner dezidiert katholischen Einstellung zu bestimmten Problemen schlechter beurteilt zu haben, als ihm zusteht, führt zu ihrer zeitweiligen Suspendierung. Gleichzeitig hat Cheri im privaten Bereich Probleme, da sie auf die vierzig zugeht und ihr Kinderwunsch sich offensichtlich nicht realisieren lässt. Auch ist die Ehe mit ihrem Mann, Michael, in Auflösung begriffen. Es scheint in Cheris Leben an allen Enden zu brennen. Da erfährt Michael, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Die Diagnose führt ihn, den Dokumentarfilmer, weg von New York, weil er auf der Suche nach einer Lösung für seine Krankheit ist, die er in Gesprächen mit wildfremden Menschen sucht. Sie führt ihn auch weg von Cheri, und doch finden beide über diese grausame Wendung ihrer Beziehung wieder zusammen. Cheri wird Michaels Tod verarbeiten.

Obwohl ein ausführlicher Vorspann aus der Zeit vor Cheris Geburt und ein Nachspann, der durch eher unwahrscheinliche Ereignisse versucht, das Leben abzurunden, mich nicht wirklich überzeugen, sind die Konflikte, die sich in Cheris Innerem abspielen –  in ihrem Verhältnis zur Mutter, zum Vater, zu ihrem Mann, zu ihrer Arbeit oder ihrem Kinderwunsch –  lebensnah, nie übertrieben und oft sehr bewegend dargestellt.

Brigitte Tietzel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.