Der lange Weg der Evelyn B. oder wie ich nach 36 Berufsjahren Chefin der Mediothek wurde

1958 in Mönchengladbach geboren wurde ich mitsamt zweier Brüder nach Viersen umgezogen, wo ich 1977 das Abitur am damaligen „Mädchengymnasium“ ablegte. Ich kam in den Genuss der neu eingeführten Oberstufenreform, was mir das Sportabitur ersparte und den Deutsch-Leistungskurs (in Kombination mit dem Mathe-LK, der leider völlig folgenlos blieb) bescherte.
Die Entscheidung für den intensiven Deutschunterricht basierte eindeutig auf der Lese“sucht“, die mit der Lektüre von „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ begann. Neben die Liebe zu (Kinder-)Büchern gesellte sich sehr bald (der eigene, damals noch sehr überschaubare Bestand war ausgelesen) eine tiefe Zuneigung zur Stadtbücherei Viersen und ihre lange Jahre separat untergebrachte Jugendbücherei – praktischerweise in Nachbarschaft meiner Schule.

Die anfängliche Unsicherheit ob des zukünftigen Berufswegs wich nach einem dreiwöchigen Probepraktikum in der Viersener Zentralbücherei der Gewissheit: Dipl.-Bibl. will ich werden (und selbstständiger auch), weshalb ich unter den möglichen Ausbildungsstätten die FHB Stuttgart mit dem Studiengang „Öffentliches Bibliothekswesen“ wählte. Von 1977 bis zum Sommer 1980 absolvierte ich die vorgeschriebenen 6 Semester mit Praktika in der vorlesungsfreien Zeit und profitiere bis zum heutigen Tag von der Entscheidung für’s Ländle: langjährige Freundschaften und die Liebe zur schwäbischen Küche wurden vor 41 Jahren zugrunde gelegt. Manfred Rommel war in diesen Jahren „mein“ OB und seine Haltung zu „Deutschland im Herbst“ hat mich nachhaltig beeindruckt.

Meine erste Stelle trat ich im August 1980 in Viersen an, wo ich als Zweigstellenleiterin im traditionsbewussten Stadtteil Dülken erste „Bau-Erfahrungen“ sammeln konnte. Mit der Renovierung eines Altbaus, der über Jahrzehnte als Stadtteilbücherei genutzt werden sollte, startete ich in das Berufsleben, in dem „Neue Medien“ hieß: Schallplatten und Kassetten ergänzen die Buchbestände!
Einige Facetten des Bibliotheksalltags wie Klassenführungen, Kinderprogramme und Autorenlesungen haben sich bis heute gehalten, andere wie die Pflege von Zettelkatalogen sind längst (und glücklicherweise) abgelöst durch die Einführung der EDV.

1986 schlug erstmals die Stunde der Veränderung:
Durch den Wechsel in die Hauptstelle des Stuttgarter Bibliothekssystems avancierte der OB meiner Studientage zu meinem obersten Dienstherrn und die angetretene Teilzeitstelle ermöglichte mir ein Zweitstudium. An der Uni Stuttgart absolvierte ich den Magisterstudiengang Kunstgeschichte und Germanistik, bis zu dessen Abschluss ich 10 Jahre brauchte. 1997 konnte ich dann den Dipl.-Bibl. vorn um den M.A. – Titel hinten ergänzen und mich zurück in die Vollzeit-Welt begeben. Innerhalb des sehr großen Stuttgarter Systems gab und gibt es häufig die Möglichkeit des Aufgabenwechsels, allerdings oft mit Befristungen. So habe ich anderthalb Jahre eine feste Halbtagsstelle in der Zentralen Buchbearbeitung mit der befristeten halben Leitung der Stadtteilbücherei Untertürkheim kombinieren können. Aus diesen Jahren stammt meine Vorliebe für württembergische Weine und nach (intensiver!) Prüfung kann ich den Besuch der Weinmanufaktur Untertürkheim und des Collegium Wirtemberg Rotenberg & Uhlbach empfehlen.

Während sich in Stuttgart (in mehrfacher Hinsicht) aufregende Entwicklungen abzeichneten und der Architektenwettbewerb für die im Oktober 2011 eröffnete neue Zentralbücherei entschieden wurde, kamen Zeit und Gelegenheit für den nächsten Wechsel : nicht zuletzt wegen der älter werdenden Eltern, die weiterhin in Viersen lebten, orientierte ich mich bei der Stellensuche zurück gen Norden und landete in Oberhausen, wo in der kombinierten Schul- und Stadtteilbibliothek in Osterfeld eine Leitung gesucht wurde.

Zum 1.1.1999 nahm ich den Dienst auf in einer der größten jemals in Betrieb gegangenen Gesamtschulen NRWs: die 5. Klassen starteten 8-zügig, der Besuch der Bibliothek in Pausenzeiten stellte an manchen Tagen Raumkapazitäten und  Nerven auf die Probe, aber die Arbeit machte großen Spaß. Längst hatten überall PCs, DVDs und CDs Einzug gehalten in den Bibliotheksalltag und das Thema Vernetzung nahm Fahrt auf. Kooperationen im Stadtteil ergänzten die engen Kontakte zur Schule, auch wenn die Intensität der angestrebten Zusammenarbeit  trotz  räumlicher Nähe immer abhängig blieb vom Engagement des Schulkollegiums.
Das Motto meines damaligen Chefs lautete „Kreativität des Mangels“, denn die Stadt Oberhausen war – trotz CentrO und Gasometer – vom Strukturwandel massiv betroffen und von einem chronischen Haushaltsloch gezeichnet.

In der Hoffnung, aus einer von stärksten Geldnöten gebeutelten Kommune in eine finanziell solidere Umgebung zu kommen, hatte ich mich Ende 2000 auf die ausgeschriebene Stelle der stellvertretenden Leitung beworben und wechselte zum 1. März 2001 nach Krefeld.
Der Bibliothekschef Helmut Schroers und das engagierte Team arbeiteten höchst erfolgreich gegen bauliche Unzulänglichkeiten an und erweiterten trotz stagnierender Etats die Angebotspalette im Haus. Sowohl am Theaterplatz als auch in Bücherbus und der Zweigstelle Uerdingen galt es, Kundenwünsche umzusetzen und mit den technischen Entwicklungen (nicht nur) des Medienmarkts Schritt zu halten, um unter immer schwieriger gewordenen räumlichen Bedingungen eine moderne Bibliothek präsentieren zu können. Dennoch hatte ich – vor allem nach einer überraschenden Haushaltssperre in meinem ersten Krefelder Sommer – zunächst den Eindruck, vom Oberhausener Regen in die Krefelder Traufe geraten zu sein. Dieses Gefühl verließ mich schlagartig, als die Planungen für einen Bibliotheksneubau an alter Stelle immer konkreter wurden und zwischen 2005 und 2008 die spannendste Phase meines bisherigen Berufslebens begann:
Suche nach einem tauglichen Übergangsquartier, Planung und Realisierung des Umzugs in das gemietete Provisorium in der Steckendorfer Strasse und vor allem die Begleitung und Mitgestaltung des heutigen Mediotheksgebäudes.
Während sich das Übergangsquartier dank der akribischen Planung des Raumprogramms (noch mit fast 13 Jahren Abstand gilt der Planungsgruppe um die Kolleginnen Esser-Ehmke, Hufschmidt und Schüren meine größte Bewunderung) als ein solcher Glücksgriff entpuppte, dass manche die Notwendigkeit eines Neubaus anzweifelten, nahm das Projekt Neubau an alter Stelle Gestalt an. Zwischen 2006 und 2008 erfolgten Abriss und Neubau und regelmäßige Besuche der Baustelle mit Sicherheitsschuhen und Bauhelm. Sooft es ging, nahmen Helmut Schroers und ich an Baubesprechungen teil und ich erwarb gediegenes Halbwissen im Baubereich.

Dass sich tatsächlich am 1. April 2008 die Schiebetüren des Neubaus öffneten und das gesamte Team vom Andrang Schaulustiger und Rückgabewilliger ebenso begeistert wie geschafft war, mutet wie ein kleines Wunder an. Denn zwischendurch wurde die Entscheidung für die Neuerrichtung noch einmal in Frage (und zur erneuten Abstimmung) gestellt und die erst nach Baubeginn gereifte Idee der RFID-Einführung bedingte umfangreiche Umstellungsarbeiten im Bestand und den Mut der Verzweiflung angesichts einer Technik, die erst zwei Wochen vor Start des Echtbetriebs ernsthaft getestet werden konnte und einen bunten Strauß an Ungereimtheiten und Fehlern präsentierte. Leider war der Vorrat an Wundern bald aufgebraucht und eine Zeit der Wunden begann: der Bücherbus wurde abgeschafft und die letzte verbliebene Bibliotheksdependance in Uerdingen fiel einer finanziellen Schieflage zum Opfer. Erst mit dem abgelaufenen Haushaltsjahr 2017 zeigt sich ein Silberstreif am Horizont und ich blicke – nun als Chefin der Mediothek – mit vorsichtigem Optimismus in die Etat-Zukunft.

Rückblickend bin ich zutiefst dankbar für den Teamgeist und das Durchhaltevermögen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mediothek und die von großer Sympathie getragene Unterstützung zahlreicher städtischer Kolleginnen und Kollegen – von der Verwaltungsspitze über zahlreiche Fachabteilungen bis hin zur alles entscheidenden Politik haben viele Beteiligte daran mitgewirkt, dass der Traum einer neuen Bibliothek im Herzen der City wahr wurde.
Die inhaltliche Planung war geprägt von der Grundüberzeugung, dass kein Bücher-Museum entstehen sollte sondern ein Treffpunkt für Menschen jeden Alters mit all‘ ihren Interessen. Dazu trägt die qualitätvolle Planung der Inneneinrichtung ebenso bei wie die Programmarbeit und das Medienangebot.
Schon vor dem Siegeszug digitaler Welten galt für die Bibliotheksarbeit, dass Stillstand Rückschritt bedeutet und die Hauptkonstante der (meiner) Arbeit die Veränderung ist:
Das WLAN musste ertüchtigt werden, die sinkende Nachfrage nach Sachliteratur wird begleitet vom steigenden Bedarf an Raum und Arbeitsmöglichkeiten und manche Standortveränderung habe ich auch über ein Jahr nach der letzten großen Umbaumaßnahme noch nicht verinnerlicht.
Obwohl ich mich schon 1980 in meiner Abschlussarbeit mit Spielen in der Bibliothek befasst habe, hätte ich mir nicht vorstellen können, welchen Stellenwert das Gaming in den Bibliotheken bekommen sollte und die ersten Versuche, Bücher nicht mehr in Print sondern in „Technik“ zu präsentieren, waren Lichtjahre vom heutigen E-Book-Standard entfernt…

Und was bleibt auch im 38. Berufsjahr?

Der Grundauftrag an Bibliotheken gilt weiterhin, auch wenn sich die „Darreichungsform“ wandelt:

Bereitstellung und Zugang zu Medien und Infomationen

Förderung der Teilhabemöglichkeit

Berücksichtigung gesellschaftlich relevanter Themen

Unterstützung von Diskursen

Als ich nach dem Ausscheiden meines Vorgängers 2016 die Chance bekam, die Leitung des Hauses zu übernehmen, habe ich sie ergriffen in dem Wissen um die vorhandenen Qualitäten im Mediotheks-Team: ohne die Unterstützung eines breit aufgestellten Kollegiums mit vielseitigen Interessen und Kompetenzen kann gute Bibliotheksarbeit nicht gelingen.
Ich bin von wahrhaft polyvalenten (um Lucien Favre zu zitieren) Menschen umgeben, die die gesamte Bandbreite der Bildungs- und Kultureinrichtung BIBLIOTHEK bedienen:  wir haben Integrations- und Familienbeauftragte, social media – Cracks, Bibliothekspädagogin und Spiele-Experten an Bord und in Zeiten rasanter technischer Entwicklungen, denen ich durchaus häufiger mit Vorbehalten und Skepsis gegenüberstehe, freue ich mich über die Zusammenarbeit mit meinem halb so alten Stellvertreter, der seit Juli 2017 unser Team bereichert.

Nicht unterschlagen möchte ich die segensreiche Unterstützung durch unseren Förderverein: Engagement, Sachverstand und gegenseitiges Vertrauen bereichern den Alltag und die Bereitstellung von Finanzspritzen erleichtert ihn.
Ich freue mich über die (leider sehr reduzierten) Informationsdienste, denn sie zeigen mir, dass die klassische (Belletristik-)Beratung weiterhin gefragt ist, mithin das Lese-Vergnügen eine Rolle spielt.
Und ein seit Jahren gepflegter Schwerpunkt der Mediotheksarbeit wird unter meiner Leitung seine Bedeutung behalten: die Vermittlung von Lesefreude schon bei den Kleinsten. Das (Bilder-)Buch möchte ich geliebt wissen, bevor Konkurrenzmedien auf den Plan treten!

Und was tue ich, wenn ich mal nicht arbeite?

Ich reise – am liebsten mit dem Zug in Europa – und mit jedem „erledigten“ Ziel kommt mindestens ein neues auf die To-Do-Liste.
Ich besuche Ausstellungen und Museen, schaue Filme, blättere in Zeitschriften und – keine große Überraschung – lese gern.
Dabei findet sich dann oft ein Zitat, das mir aus der Seele spricht – so wie folgendes:

Die Bibliothekare, die ich kannte, waren Superhelden der Datenverarbeitung. So wie die Entdeckungsreisenden der Alten Welt schipperten sie auf den unerforschten Ozeanen der Information herum und zeichneten Karten, damit sich jeder, der sie in Händen hielt, zurechtfand. UND sie waren Hüter von Dingen, die bei anderen Menschen in Vergessenheit gerieten, sie archivierten die Zufälligkeiten des Lebens und setzten sie wie ein Puzzle zusammen.“

(Shelly King : Mr. Lawrence, mein Fahrrad und ich)

Nach all den Berufsjahren kann ich noch immer vom Traumberuf sprechen, für den ich mich 1977 entschieden habe und ich bin neugierig, wer & was mir in kommenden Berufsjahren noch begegnen wird…

 

Evelyn Buchholtz, Leiterin der Mediothek

Ein Gedanke zu „Der lange Weg der Evelyn B. oder wie ich nach 36 Berufsjahren Chefin der Mediothek wurde

  1. Welch reiches, ausgefülltes Leben bisher! Vielen Dank für Ihre Vorstellung. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen. Ich wünsche Ihnen und der Mediothek weiterhin viele schöne Stunden, Tage, Jahre. Die Mediothek ist eine wunderschöne, interessante, vielseitige Visitenkarte Krefelds!

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