TietzelsTipp: Geordnete Verhältnisse von Anja Lundholm

Es ist unglaublich, wie überzeugend die Autorin ihre Protagonistin sprechen lässt, ein neunjähriges Mädchen, Ruth, von ihrer Mutter nur Dicki genannt. Die Geschichte wird ganz aus der Sicht dieses Kindes beschrieben. Es ist die Zeit in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, kurz vor Hitlers Machtergreifung. Der Antisemitismus hat schon weit um sich gegriffen, vereinzelt werden jüdische Geschäfte demoliert oder beschmiert.

Ruths Vater ist evangelisch, die Mutter ebenfalls, allerdings ist sie auch Jüdin, und Ruth wird in der Klasse damit gehänselt. Sie versteht zunächst nicht, was das ist, ein Jude, und warum er sich von den anderen Menschen unterscheiden soll. Aber sie ist gescheit, aufgeweckt, stellt viele, zu viele Fragen und kann sich auf alles einen Reim machen. Der entspricht nicht unbedingt den wahren Verhältnissen, aber vielfach kommt sie der Wahrheit ziemlich nahe. Es ist diese unglaublich anrührende Mischung aus erfrischender Kindlichkeit und erschreckend unkindlicher Konfrontation mit den Realitäten der Erwachsenenwelt, mit der Ruth zurecht kommen muss, die den Reiz dieses Buches ausmacht.

Ruths Mutter ist hilflos dem tyrannischen Mann ausgeliefert, schwach und wehrlos, so dass Ruth immer das Gefühl hat, sie beschützen zu müssen. Sie stammt aus vornehmem jüdischem Elternhaus und hat Geld mit in die Ehe gebracht. Der Vater, ein grausiger Spießer und Besserwisser, der Ruth bei jeder Gelegenheit züchtigt und sogar schlägt, ist außerdem von einer eisigen Gefühlskälte, die er, der aus viel einfacheren Verhältnissen stammt, als Vornehmheit verbrämt. Liebe, Zuneigung zu zeigen, kommt nicht in Frage. Zärtlichkeiten, Umarmungen, ja Berührungen jeglicher Art sind unvorstellbar. Daran hält sich auch die Mutter.

Als Ruth ein Kindermädchen bekommt, Leonore, das sie unbefangen umarmt, spürt das Kind zum ersten Mal menschliche Wärme und verfällt dieser Leo in kindlicher Zuneigung. Doch dann fängt der Vater ein Verhältnis mit Leonore an. Die Mutter verlässt mit Ruth das Haus, beide reisen zum Großvater und dort wird das Kind warmherzig angenommen und verwöhnt. Dort fühlt es sich frei und behaglich. Aber obwohl Ruth heimlich mit den Hanteln des Vaters trainiert, um groß und stark zu werden und dann den Vater unterzukriegen, ist sie diesem in kindlicher Abhängigkeit zugetan. Eine Trennung der Eltern, wie die kluge Tante Esther vorschlägt, ist für sie undenkbar. Mit fliegenden Fahnen kehren Mutter und Tochter zum Mann und Vater zurück, nachdem der Großvater vermittelt hat. Sie kehren heim in eigentlich unerträgliche Verhältnisse. Aber gerade das lässt Ruth erschreckender Weise denken, nun sei sie wieder zu Hause.

Die kaum zu ertragenden Umstände dieser Familie in „geordneten Verhältnissen“ müssen auf den Leser umso Mitleid erregender wirken, da die Autorin hier ihre eigene Kindheit beschreibt.

Brigitte Tietzel

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