TietzelsTipp: Taghaus, Nachthaus von Olga Tokarczuk

Die Ich-Erzählerin und ihr Mann, den sie nur R. nennt, ziehen in den niederschlesischen Ort Nova Ruda, nahe der tschechischen Grenze, eine Gegend, die heute polnisch ist, aber einstmals deutsch und tschechisch und sogar österreich-ungarisch gewesen ist. Ein abgelegener Ort ist das, der einem beim Lesen das Gefühl vermittelt, hier handele es sich um das Ende der Welt. Gleichwohl ist das eine geschichtsträchtige Gegend, deren Menschen und Ereignisse eine ganze Welt füllen. Die Erzählerin freundet sich mit Marta an, der alten, etwas wunderlichen, undurchschaubaren Nachbarin, die aus unerfindlichen Gründen Haare sammelt, um daraus Perücken zu knüpfen und die auf fast alle Fragen ihre sehr eigenen Antworten hat.

Unglaubliche Geschichten bekommt man da zu hören. Alles ist geheimnisvoll und vielfach unverständlich, bis man doch eine Erklärung dafür findet: warum einer Geister sieht, warum ein anderer sich umbringt oder warum ein studierter Mensch sich plötzlich als Knecht auf dem Lande verdingt. Das Buch ist so überreich an diesen Schicksalen und die Sprache gleichzeitig klar und einfach und doch auch überbordend, dass man ganz erschlagen ist von dieser Fülle.

Man versteht, warum diese Autorin den Literaturnobelpreis bekommen hat, noch selten hat mich ein Buch, das eigentlich keine durchgehende Handlung hat, so gefangen gehalten. Der Fixpunkt des Buches wird allein durch den Ort, das Haus der Erzählerin und ihre immer wieder beschriebene Beziehung zu dieser Marta bestimmt, wohin der Leser nach ausschweifenden Um- und Abwegen immer wieder zurückgeholt wird. Die außergewöhnlichen Sprachbilder, Vergleiche, Kommentare sind nicht etwa gewollt expressiv oder in gesuchter Weise besonders, sondern es sind einfache Ideen und Wendungen, die man sofort versteht und akzeptiert, vielleicht auch, weil man sie selber schon gedacht hat und nicht in der Lage war, es so präzise auszudrücken. „Marta hatte gedacht: ‚Am schönsten sind die von den Schnecken angefressenen [Blütenblätter]. Am schönsten sind die, die am unvollkommensten sind.’“

Die meisten Geschichten aber, die von realen oder erdachten Personen erzählen, oder von Heiligen und deren Biografen, sind düster und machen einen nicht froh, wie auch die Gegend, die beschrieben wird, einen nicht locken kann. Denn die Erde ist überall nass, die Wände der Häuser sind feucht und schimmelig. Eine gottverlassene Welt ist das, in der wenig Schönes und Erbauliches geschieht. Im Sommer ist es zwar oft unerträglich heiß, wird berichtet, und trotzdem ist das Gras saftig grün. Aber das kann den Eindruck von Schwere und Düsternis nicht vertreiben, der über allem liegt. Zudem spielen Träume eine große Rolle, die sich mit der Realität vermischen. Das trägt noch zur Verunsicherung des Lesers bei. Trotzdem kann man dieses Buch nicht beiseite legen, ehe man es nicht ganz gelesen hat.

Brigitte Tietzel

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