Tietzels Tipp: Raumpatrouille von Matthias Brandt

Bonn in den 70er Jahren. „Grüßt das Volk die Regierung in Bonn?“ wurde ich zu dieser Zeit von einem bereits betagten Herrn aus Neviges gefragt. Und: „ Ja“, habe ich geantwortet, „wenn das Volk die Regierung sieht.“ Beispielsweise beim Joggen am Rheinufer. „Guten Tag, Herr Bahr.“ Und der hat freundlich geantwortet.

In diese Welt entführt einen Matthias Brandt und in die Welt eines hellwachen, phantasievollen kleinen Jungen, für den der Vater, gerade Bundeskanzler, eine stets in Rauchschwaden gehüllte, flüchtige Gestalt ist, die man am besten nicht stört. Viel inniger, konkreter, ist das Verhältnis zur Mutter, die dem Jungen so ziemlich jeden Wunsch erfüllt und auch nicht besonders schimpft, wenn er die 20 Mark für Schulbücher lieber für einen Plastik-Raumanzug ausgibt, denn gerade erst waren Menschen auf dem Mond gelandet. Die Distanz zum Vater wird auch in der einsamen Fahrt von Mutter und Sohn nach Norwegen spürbar, und doch zeigt ein letztes kleines Kapitel, wie versöhnlich und liebevoll der ferne Vater bisweilen mit seinem über alle Gebote hinweg zutraulichen Sohn umgehen kann. Anrührend.

Ansonsten gibt es manchmal faszinierende und dann wieder urkomische Beschreibungen von Ereignissen im Leben eines kleinen Jungen, die man so oder ähnlich selber erlebt hat oder zumindest nachvollziehen kann. Der schreckliche Moment, als der kleine Matthias die Pistole eines Bewachers an sich nimmt und sie auf den Mann richtet, der seinen Platz sträflicherweise verlassen hat. Der Wunsch eine Briefmarkensammlung anzulegen, was mit der Anschaffung eines dicken Einstiegsbeutels an gekauften Briefmarken das enttäuschende Ende aller Bemühungen bereits einläutet. Das Kaffeetrinken beim netten Nachbarn, dem ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke, den der Junge seinen Freund nennt. Gerade weil die beiden gar nicht mit einander sprechen (müssen), ist da ein großes Einverständnis. Die missglückte Fahrradtour von Vater Willy mit Kollegen Wehner und den köstlichen Beobachtungen des „Anstandskindes“. Die misslungene Probe eines Zauberkünstlerauftritts, beim der fast das Haus abgebrannt wäre. Der Besuch bei einem Schulkameraden, dessen Zuhause zum eigenen nicht unterschiedlicher sein könnte, erscheint gerade deswegen dem Jungen als non plus ultra, bis er ohne recht zu wissen, warum, plötzlich rasendes Heimweh bekommt. Und der Hund spielt eine große Rolle, der eigentliche Gefährte. Der lebt nicht ewig, und auch das ist wichtig, diese frühe Erfahrung von Verlust. Es sind Geschichten, wie es im Untertitel heißt, und sie sind erfunden und haben doch stattgefunden. So ist das mit den Erinnerungen.

         Ein wunderbares kleines Buch, das einen auf zauberhafte Weise in die eigene Vergangenheit führt.

Brigitte Tietzel

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