TietzelsTipp: Die Zeuginnen von Margaret Atwood

Das Buch ist sozusagen eine Fortsetzung des Romans „Der Report der Magd“ von 1985, aber man liest es auch ohne die Kenntnis des früheren Teils, und zwar mit heißen Ohren. Im Wechsel gibt es da die Aufzeichnungen von Tante Lydia, die eine hohe, einflussreiche Position im Staate Gilead einnimmt und das Bekenntnis zweier Mädchen. Agnes Jemime lebt in Gilead im Haus eines wichtigen Kommandanten, ihres Vaters, und ihrer Mutter Tabitha. Allerdings scheint es ein Geheimnis um ihre Geburt zu geben. Ihre Mutter erzählt ihr, sie habe sie „ausgewählt“. Agnes fühlt sich wohl und glücklich, solange ihre Mutter lebt. In der Schule jedoch werden sie und ihre Schulkameradinnen auf ein Leben mit Männern vorbereitet, das ihnen nur Angst und Schrecken einjagt.

Als ihre Mutter stirbt und ihr Vater wieder heiratet, wird schnell klar, dass Agnes nicht das Kind des Kommandanten ist und dass sie ihre Stiefmutter stört. Man arrangiert eine Ehe mit einem noch höher stehenden, ziemlich alten Kommandanten, obwohl Agnes noch sehr jung ist, um sie so schnell wie möglich aus dem Haus zu schaffen. Gleiches geschieht mit ihrer Freundin Becka. Diese versucht, sich das Leben zu nehmen und wird daraufhin von den Tanten aufgenommen. In Gilead haben Frauen keinerlei Rechte und habe lediglich den Zweck, Kinder zu gebären, wenn sie es denn können, denn viele Menschen sind in dem von Chemikalien verseuchten Staat unfruchtbar. Ausnahmen sind lediglich die Marthas, Dienerinnen im Haushalt, und die Tanten. Diese schwören von vornherein den Männern ab, leben in ihrem eigenen, für andere unzugänglichen Bereich und übernehmen die Erziehung der Mädchen. Sie sind auch die einzigen, die lesen und schreiben lernen dürfen. Agnes folgt Beckas Beispiel und wird ebenfalls bei den Tanten aufgenommen.

Daisy, die zweite Zeugin, lebt in Kanada bei Menschen, die in der   Organisation Mayday im Untergrund versuchen, gegen Gilead zu kämpfen und die helfen, vor allem Frauen aus dem Land in die Freiheit zu schmuggeln. Auch Daisy, die davon nichts ahnt, ist kurz nach ihrer Geburt mit ihrer Mutter geflohen und bei unverdächtigen Eltern untergekommen. In Wirklichkeit ist sie die kleine Nicole, die seit 16 Jahren als Ikone des Staates Gilead von diesem zurückgefordert wird. Mit dem Partner von Mayday in Gilead, einem Maulwurf, wird die heimliche Rückkehr von Nicole arrangiert. Auch sie kommt bei den Tanten unter.

Wie die Schicksale der Zeuginnen verflochten sind, welche Wege zum Kampf und endgültigen Sieg über den Unrechtsstaat führen, das ist hoch spannend erzählt. Auch die Psychologie der Menschen, die in diesem verlogenen, grausamen Regime die Macht haben und behalten wollen, ist vor allem was die verschiedenen Frauentypen angeht, interessant: die Tanten, die Ehefrauen, die, wenn sie selber unfruchtbar sind, die „Hilfe“ einer Magd annehmen müssen, die Marthas, und nicht zuletzt die heranwachsenden Mädchen. Männer sind dagegen, wenn sie im Karussell der Macht eingespannt sind, eher simpel gestrickt: Geil und grausam. Im Rahmen eines solchen Science Fiction Romans sei das erlaubt. Umso schöner kann man sich gruseln.                                                                                                                                                                  Brigitte Tietzel

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