TietzelsTipp: Wie alle anderen von John Burnside

Das ist ein autobiographischer Roman, den viele als Fortsetzung von „Lügen über meinen Vater“ ansehen, ein Buch, das ich (noch) nicht gelesen habe. Allerdings muss man das auch nicht, um zu verstehen, womit der Autor hier kämpft. Er ist drogen- und alkoholsüchtig, und er hat eine besondere Form der Schizophrenie, die ihm Wahnvorstellungen beschert und ihn Stimmen hören lässt. Alles zusammen eine unheilvolle Mischung. Umso erstaunlicher, dass Burnside voller Klarheit und Entschlossenheit dagegen anzugehen versucht. Auch wenn er dabei hundertmal scheitert, nie verlässt ihn die Gewissheit, dass er da raus muss, dass er diesen Fluch überwinden muss, werden muss, „wie alle anderen“. Es gelingt ihm, nach Surbiton umzuziehen, sicher ein Synonym für bürgerliche Unauffälligkeit und Gewöhnlichkeit. Dass das bei einem solchen Mann nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand. Und so stürzt er jedes Mal, wenn es ihm für einen Moment gelungen scheint, der Sucht zu widerstehen, wieder ab in die Hölle.

Wie es Burnside gelingt, sich nach jedem Untergang wieder aufzurappeln, ist mir ebenso schleierhaft, wie die Tatsache, dass man mitgerissen wird von seinen Leidenschaften, ohne sich voll Ekel abzuwenden. Vielmehr folgt man ihm in seinen Wahn und durchlebt seine Hölle mit ihm. Erträglich ist das vielleicht deswegen, weil Burnside in jeder Minute kämpft, sich nicht einfach dem Suff hingibt, sondern die Dinge tut, weil er sie tun muss.

Am Ende erkennt er, dass er nicht normal werden kann, wie alle anderen und dass er es auch nicht will. Er erkennt die Lüge darin. Er muss sich akzeptieren wie er ist, sich zu sich selber bekennen. Das erst macht ihn frei, so dass er einigermaßen gesund werden kann. „Geistig beinahe gesund“ nennt er das. In einem Nebensatz erfährt man, dass er im Augenblick, als er das Buch schreibt, Frau und Kinder hat. Er hat es also geschafft: Nicht etwa, normal zu werden, wie das die Nachbarn in den Häusern der Vorstädte sind, zu denen er gezogen war und denen er sich anzugleichen versuchte, denn das entsprach nicht seiner Natur. Erst als er sein Anderssein akzeptiert, seine leichte Verrücktheit, schafft er es schließlich, im Einklang mit sich selbst zu leben. Auch als „Geretteter“ spürt er immer noch seine Isoliertheit, kann aber die Ruhe der nächtlichen Einsamkeit genießen, wenn er um 3 Uhr nachts, zur sogenannten Wolfsstunde, sich fühlen kann wie der erste oder der letzte Mensch auf Erden.

Das Schreiben hat ihn wohl gerettet und zu sich selbst geführt. Man folgt Burnside mit Spannung und Mitgefühl und auch seine schlimmsten Exzesse erzeugen beim Leser niemals Abscheu und Verzweiflung. Ein ganz ungewöhnlicher, kluger Mann ist das, der seinen steinigen Weg mit großer Genauigkeit und Intensität beschreibt.

Brigitte Tietzel

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