TietzelsTipp: Über Liebe und Magie – I put a spell on you von John Burnside

In diesem neuesten, viel und hoch gelobten Buch von John Burnside geht es wieder um die Aufarbeitung seines Lebens. Diesmal wechseln autobiographische Splitter und Erinnerungsbilder ab mit allgemeinen Überlegungen über die Liebe. Dabei hangelt sich Burnside an verschiedenen Musikstücken entlang, die ihn zu bestimmten Zeiten seines Lebens begleitet haben und die jetzt als Kapitelüberschriften jene Phasen kennzeichnen. Angefangen hat das in sehr jungen Jahren mit „I put a spell on you“, gesungen von der schwarzen Bluessängerin Nina Simone, ein Stück, das seine Cousine Madeleine, in die er damals verliebt war, dem Neunjährigen vorspielte. Verliebt war er als Kind im Übrigen häufig, und wenn man beantworten wollte, worein eigentlich, dann müsste man sagen: in das Leben.

Unnötig zu betonen, dass es unzählige Arten der Liebe gibt und immer sind Burnsides Überlegungen, Anmerkungen oder „Abschweifungen“, wie manche Kapitel überschrieben sind, eindringlich, intelligent, bedenkenswert. Dennoch hat mich dieses Buch nicht so überzeugt wie die Beschreibung seines Lebenskampfes in „Wie alle anderen“. Dort hatte man das Gefühl der Unmittelbarkeit. Hier dagegen begegnet man einem bereits abgeklärten Autor, der sozusagen von einer höheren Warte aus auf sein Leben zurückblickt. Da ist die Geschichte mit Christina, die er wohlweißlich nicht seine große Liebe, sondern eine „amour fou“ nennt, und seine Gefühle für diese Frau hängen ihm ein Leben lang nach. Als er sie trifft, verweigert er sich dieser Frau trotzig und benimmt sich wie ein Esel. Das sieht er auch so, versucht aber aus der Distanz eine Erklärung: er habe sich vor der Urkraft dieses Gefühls retten müssen. Solche Überhöhung einer nicht ausgelebten Affäre scheint mir typisch, lässt einen aber im Grunde kalt.

Ganz anders, wenn er über seine Mutter spricht, über seine Herkunft aus einer armen, katholischen Gegend in Schottland, in der die Menschen durch die Verhältnisse in Stumpfheit gehalten werden, wo das Leben, gleich wie man es angeht, nur zum Scheitern führen kann, und wo die Ehe das Ende aller Möglichkeiten bedeutet. Darin gefangen ist auch seine Mutter, die in ihre eigene Traumwelt abtaucht, und die er mit anrührender Liebe und Einfühlsamkeit beschreibt. Auch die Geschichte mit Cathy, die er in der Irrenanstalt trifft – denn neben Alkohol und Drogen ist auch das Verrücktwerden ein ständiges Thema dieses Autors – ist bewegend. Solange sie in ihren Wahnvorstellungen befangen sind, spüren beide eine große Verbundenheit, die in dem Maße schwindet, wie Burnside selber nach und nach wieder gesundet. Cathy bleibt zurück in ihrer einsamen Welt. Später wird sie sich umbringen. In solchen Erzählungen liegen die Stärken von  Burnside. Allerdings gebraucht er das Wort ’narrativ‘ ein paar Mal zu viel, so will mir scheinen. Aber das sind Marginalien. Wie immer bei Burnside ist das Buch voller ungewöhnlicher, fesselnder Gedanken und führt durch das düstere, von Dämonen bevölkerte Bewusstsein dieses Autors.

Brigitte Tietzel

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