TietzelsTipp: Europa. Die ersten 100 Millionen Jahre von Tim Flannery

Der Titel reizt natürlich zu der Überlegung, was wohl in den nächsten 100 Millionen Jahren sein wird und ob es dann wohl noch jemanden gibt, der die Fortsetzung dieses Buches schreiben könnte. Ich habe die starke Vermutung, dass man dann über das Aussterben der Spezies Mensch berichten müsste, das, aus Sicht der Zukunft, dann bereits viele Millionen Jahre zurück liegen dürfte. Gerade so, wie wir heute das Aussterben der Dinosaurier kommentieren.

         In leichter, nicht wissenschaftlich überfrachteter Sprache führt einen der Autor durch die unglaublichen Welten, die unsere Vergangenheit bildeten, angefangen mit den frei umher schwimmenden Landmassen, die sich erst zu einem sehr viel späteren Zeitraum, vor ein paar hunderttausend Jahren, zu den Kontinenten und Weltmeeren zusammenfügten, die wir heute kennen, darunter Europa. Flannery beschreibt die sich wandelnde Flora und Fauna. Er erzählt von Tieren, die allesamt eher einer Fabelwelt zu entstammen scheinen, von spektakulären Wesen, nicht nur von Dinosauriern, in ihren unzähligen Variationen,  sondern auch von riesigen Elefanten, Mammuts, Echsen, Nashörnern, Schildkröten und dergleichen, die unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigen. Der Laie ist überwältigt von dieser unglaublichen Fülle und sicher überfordert, dies alles zu verstehen, oder gar zu behalten, wer wann wo gelebt, wer wen gefressen, vertrieben, überlebt hat. Und doch liest sich dieses Buch wie eine Geschichte in Fortsetzungen, die sie ja in Wirklichkeit auch ist.

Paläontologen scheinen ein buntes Völkchen. So lässt Flannery den transsilvanischen Baron Nopcsa, der noch im 19. Jahrhundert geboren wurde und sicherlich leicht verrückt war, für den Leser sehr lebendig werden. Der Mann war  so fasziniert, ja besessen von alten Knochen, die er teilweise auf seinem eigenen Landgut fand, dass er sein Leben deren Erforschung widmete. 1914  hat er ein bahnbrechendes Buch über die transsilvanischen Dinosaurier verfasst. Andererseits zeigte sich seine skurrile Mentalität unter anderem darin, dass er etwa zur selben Zeit daran dachte, in Albanien einzufallen, um sich zu dessen erstem König zu machen. Seinen langjährigen Geliebten, den Schäfer Bajadiz Doda ehrte er damit, dass er eine „eigenartige fossile Schildkröte“ nach ihm benannte.

Äußerst interessant sind natürlich die Kapitel seit dem Auftauchen der Menschen, vor allem die Informationen über die Neandertaler. Wobei ich zugeben muss, dass mich seine ausdrückliche Trennung von Neandertaler und „homo sapiens“, also von Neandertalern und Menschen, erstaunt und auch irritiert hat. Die DNA der beiden sind nach Flannery zu 99,7% identisch (die von Mensch und Schimpanse zu 98,8%). Neandertaler und „homo sapiens“ konnten sich  untereinander fortpflanzen und haben das auch getan. Flannery nennt die Nachkommen Hybriden.

Ein Buch voller unglaublicher Fakten und Einzelheiten. Sehr lesenswert.

Brigitte Tietzel

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