TietzelsTipp: Die Gespenster von Demmin von Verena Keßler

Die 15jährige Larry will Kriegsreporterin werden. Und weil man bei diesem Beruf mit sehr vielen Entbehrungen und Unannehmlichkeiten, bis hin zu etwaiger Gefangennahme und sogar Folter rechnen muss, wappnet sie sich in weiser Voraussicht mit Übungen, die sie darauf vorbereiten und hart machen sollen. Zum Beispiel hängt sie sich eine halbe Stunde mit dem Kopf nach unten an den Apfelbaum oder taucht ihre Hand mehr als zehn Minuten in Eiswasser, bis die Hand blau anläuft. Wir erfahren das aus ihrer Sicht. Und das ist sehr lebendig, teilweise witzig, teilweise abstrus. Man folgt ihr gern in ihrer Beobachtung und Beurteilung der Welt und erkennt darin die Gefühlslage eines heranwachsenden Menschen, der sehr ernsthaft versucht, seinen Weg im Leben zu finden, der aber erst noch eher rumprobiert und noch keineswegs wirklich auf der richtigen Spur ist.

Larry lebt mit ihrer Mutter zusammen. Der Vater ist irgendwann abgehauen, steht aber noch in Verbindung zur Familie. Er ist Lastwagenfahrer und ab und zu, wenn er in der Gegend ist, treffen sich die beiden, Vater und Tochter, an einer Autobahnraststätte. Die Mutter sucht einigermaßen vergeblich nach einem neuen Mann. Alle gescheiterten Versuche könnte Larry mit einem „post-it-Sticker“ an bestimmen Gegenständen festmachen, die der jeweilige Lover mit ins Haus gebracht hat. Dann kommt Benno, der elf Jahre jünger ist als die Mutter, und der zieht nun tatsächlich zu ihnen. Das wird Larry ein bisschen viel und sie haut ab von zu Hause, bzw. sie möchte abhauen, bittet aber ihren Vater, sie im Truck mitzunehmen. Dass daraus nichts werden kann, versteht sich von selbst.

Larry hat auch eine Freundin, Sarina, die immerzu in irgendwen verliebt ist, im Augenblick in Timo, der schon 17 Jahre alt ist und gerade die Schule verlassen hat. Als Larry einen angefrorenen Schwan retten will und dabei ins Eis einbricht, wird sie ihrerseits von Timo gerettet. Diese Bekanntschaft führt zu Missverständnissen mit Sarina. Timo ist außerdem der Großneffe der alten Frau Dohlberg von nebenan. Die soll ins Heim, bringt sich aber vorher mit Gift um, das sie noch aus Zeiten nach dem Krieg hat, als die Russen nach Demmin kamen und sehr viele Menschen aus dem Dorf Selbstmord begingen, auch die Mutter von Frau Dohlberg.

Das hat aber mit der lebhaften Schilderung der Entwicklung von Larry rein gar nichts zu tun. Es gibt auch keine „Gegenüberstellung von Vergangenheit und Gegenwart“, wie es auf dem Buchrücken heißt. Larry spricht mit der alten Frau niemals auch nur ein Wort. Es sind einfach zwei Geschichten, die nebeneinander herlaufen, wobei die kurzen Abschnitte, in denen die Gemütsverfassung der alten Dame beschrieben wird, noch nicht einmal wirklich eine Geschichte zu nennen sind. Das macht gar nichts, man liest das Buch voller Interesse. Weil es Vieles, das man kennt und vielleicht sogar selbst empfunden hat, auf leichte und trotzdem ernst zu nehmende Weise schildert. Aber die „Gespenster von Demmin“ spielen eigentlich keine Rolle.

Brigitte Tietzel

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