TietzelsTipp: Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Alexander übernimmt von einer Maklerin eine Wohnung in Minsk, Weißrussland. Er ist in diese Stadt gezogen, in ein ihm unbekanntes Land, weil seine Mutter hier noch einmal geheiratet hat. Sonst hat er keinen Bezug zu diesem Ort, und das einzige, was man zunächst über ihn erfährt, ist, dass er eine Tochter hat und dass sein bisheriges Leben vorbei und zerstört ist.

Auf dem Flur trifft er auf seine 90jährige Nachbarin, die ihn, den Widerstrebenden, sofort in ein Gespräch verwickelt und ihm ihre Lebensgeschichte sozusagen aufdrängt. Wider Willen ist Alexander von der Geschichte, die diese Tatjana Alexejewna ihm erzählt, gefesselt, und nach und nach vertrauen sich die beiden einander an. Dabei ist die Geschichte der alten Dame die interessantere. Sie hat zu Zeiten der größten Säuberungen während des Stalin-Regimes, in den 1930er Jahren in Moskau geheiratet, ein Kind bekommen und als Sekretärin des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten gearbeitet. Während um sie herum wahllos Freunde und Bekannte abgeholt wurden und auf Nimmerwiedersehen verschwanden, hatte sie einen verhältnismäßig sicheren Posten in ihrem Ministerium

Dann beginnt der Krieg, ihr Mann wird eingezogen und nachdem sie anfänglich zwei Briefe von ihm bekommt, hört sie nichts mehr von ihm. 1941 dann taucht sein Name auf einer aus Rumänien geschickten Liste von Kriegsgefangenen auf. Tatjana muss diese Liste übersetzen und weiterleiten. Kriegsgefangene werden nicht etwa ausgetauscht sondern als Landesverräter betrachtet und Verwandte solcher Verräter werden ebenfalls als Landesfeinde angesehen. Aus Angst kommt Tatjana auf die Idee, den Namen ihres Mannes von der Liste zu löschen. Den vorhergehenden Namen wiederholt sie einfach, damit die Gesamtzahl der Gefangenen erhalten bleibt. Sie wird dennoch eines Nachts abgeholt, von ihrer nun 9-jährigen Tochter getrennt, verhört, vergewaltigt und in ein Lager gebracht, wo sie zehn Jahre bleiben wird. In all der Zeit verlässt sie nie die Hoffnung, ihren Mann und ihre Tochter eines Tages wiederzufinden. Nachforschungen, die sie nach ihrer schließlichen Freilassung betreibt, ergeben, dass diese Hoffnungen trügerisch waren. Beide sind längst verstorben, beziehungsweise getötet worden. Sehr eindringlich wird die unglaubliche Willkür und tödliche Menschenverachtung der Stalinzeit geschildert.

Alexanders Schicksal, der seine Frau durch eine Krebskrankheit verloren hat, ist zwar ebenfalls traurig, aber die Schilderung der dramatischen und wie mir scheint, recht unglaublichen Umstände der Geburt seiner Tochter lässt einen eher befremdet zurück.

Zitate von Schriftstücken, die beweisen, dass Russland auf Vorschläge des Schweizer Roten Kreuzes zum Gefangenenaustausch einfach niemals reagiert hat, sind erschütternd, wirken aber in der sich wiederholenden Fülle im Grunde kontraproduktiv.

Brigitte Tietzel

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