TietzelsTipp: Die Wahnsinnige von Alexa Hennig von Lange

Die Tochter von Isabella von Aragón und Ferdinand von Kastilien, den so genannten „katholischen Königen“, die Spanien durch die Eroberung von Granada von den Mauren und das ganze Land durch äußerste Grausamkeit und Verfolgung von den Juden befreit hatten, ist als Johanna die Wahnsinnige in die Geschichte eingegangen.

Am Anfang des Buches wird sie von ihrer Mutter auf der Festung La Mota festgehalten, damit sie zur Vernunft gelange. Nun kann man jemanden, der tatsächlich wahnsinnig ist, nicht durch Druck wieder zu Verstand bringen. Das wusste auch Isabella. Und so ist von allem Anfang an klar, dass hier ganz andere Gründe für die Behandlung von Johanna vorliegen. Die Schilderungen ihres Charakters in diesem Kapitel lassen denn auch durchaus vermuten, dass die junge Frau zwar zu unkontrollierten Wutausbrüchen neigt und dass sie eigenwillig, aber keineswegs geisteskrank ist. Im tatsächlichen Leben scheint Johanna sogar recht intelligent gewesen zu sein und hat in jungen Jahren mit Erasmus von Rotterdam korrespondiert. Sie wird aus politischen Gründen mit Philipp dem Schönen, Herzog von Burgund, verheiratet, verliebt sich unsterblich in ihn und hat am Anfang des Buches, 1503, bereits vier Kinder von ihrem Mann.

Der Verlauf des Romans hält sich weitgehend an die bekannten Fakten und ist schnell erzählt. Nach einem Streit mit ihrer Mutter wird diese ihr die Ausreise zu ihrem Mann nach Flandern erlauben. Das Verhältnis zu Philipp wird durch dessen Untreue getrübt. Als Isabella 1504 stirbt und Ferdinand, der Vater, die Regentschaft über Aragón anstrebt, eilen Philipp und Johanna nach Spanien, um ihre Rechte als Könige von Aragón einzuklagen, denn Isabella hatte Johanna als ihre Nachfolgerin bestimmt. Ferdinand lässt hier zum ersten Mal anklingen, dass Johanna unfähig sein könnte, zu regieren. Ein Abkommen zwischen Ferdinand und Philipp, dem es gelungen war, weite Teile des spanischen Adels auf seine Seite zu bringen, erkennt ihn als gleichberechtigten Herrscher über Aragón neben seiner Frau an. 1506 stirbt er sehr plötzlich. Das Buch endet zu diesem Zeitpunkt mit Johannas Unwillen, sich den Anforderungen der Regierung zu stellen. Das entspricht nicht den Tatsachen, denn sie hat noch mindestens zwei weitere Jahre die Regierungsgeschäfte geführt und wird bis an ihr Lebensende Königin bleiben. Allerdings sperrt man sie 1509 im königlichen Palast von Tordesillas ein und zwar bis zu ihrem Tod, 46 lange Jahre.

Es ist nicht unzulässig in einem Roman Geschichte zu verkürzen oder ein bisschen zu verbiegen. Es kam der Autorin darauf an, zu zeigen, wie wenig Frauen in der damaligen Zeit als Individuen zählten. Sie wurden missbraucht, so muss man es leider nennen, als politische Schachfiguren, und man nahm keinerlei Rücksicht auf ihre Gefühle. Ärgerlich an dem vorliegenden Roman war für mich jedoch, dass der Fokus auf der Liebesbeziehung zwischen den Eheleuten liegt. Die Dramatik, die durch die machthungrige Eiseskälte von Vater, Ehemann und schließlich auch Sohn (Karl V.) Johannas Leben bestimmte, die sie benutzten, solange es nötig war und dann abservierten, wird dagegen nicht zum Thema gemacht. Hier aber liegt die eigentliche Tragödie.

Brigitte Tietzel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.