TietzelsTipp: Der Empfänger von Ulla Lenze

Josef und Carl Klein sind Brüder. Ungleiche Brüder, obwohl vielleicht nur ihre jeweiligen Schicksale sie so unterschiedlich haben werden lassen. Denn eigentlich wollten sie Mitte der 20er Jahre zusammen in die USA auswandern. Aber dann hatte Carl einen Unfall, verlor sein linkes Auge und damit seine Einreiseerlaubnis nach Amerika.

Josef fährt also allein. Und er überlebt allein. Die Zeiten sind schwierig, Arbeit zu finden fast unmöglich, es gibt zu viele solche wie ihn. Aber er ist Deutscher. Er lernt Arthur kennen, der eine kleine Druckerei besitzt. Er lässt Josef bei sich wohnen und gibt ihm eine zwar nicht besonders gut bezahlte Arbeit, aber immerhin eine Arbeit. Josef bastelt sich eine Funkanlage, wird Amateurfunker und lernt auf diese Weise Lauren kennen. In der Anonymität der Nacht und der Unendlichkeit des Äthers vertrauen sich die beiden einander an. Später wird Lauren zu ihm nach New York kommen. Als die Jahre vergehen, kommt Josef über die Druckerei mit einer Gruppe von Deutschen zusammen, die Hitler unterstützen und Amerika für Deutschland  erobern wollen. Arthur erledigt kleine Druckaufträge für diese Leute, man kann in diesen Zeiten nicht wählerisch sein. Josef wird als Amateurfunker gebeten, verschlüsselte Nachrichten nach Deutschland zu senden. Man macht ihm weis, dass es sich hierbei um rein geschäftliche Informationen handelt, und Josef, der es im Grunde besser weiß, hinterfragt nichts. Er ist kein Nazi, will mit den Leuten auch eigentlich nichts zu tun haben, aber sie bieten ihm gutes Geld, und es ist auch nicht ganz einfach, wieder von ihnen los zu kommen.

Inzwischen ist der Krieg ausgebrochen. Lauren sagt ihm schließlich auf den Kopf zu, worauf er sich eingelassen hat und bringt ihn dazu, sich dem FBI zu öffnen. Man lässt ihn eine Zeit lang die Gruppe beobachten, sperrt ihn aber dann trotzdem als Landesverräter ein. In den folgenden acht Jahren hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie in Deutschland. Als er schließlich abgeschoben wird, landet er ohne Papiere bei seinem Bruder in Neuss, der ihn zwar aufnimmt, aber ungern. Er hat inzwischen Familie. Was sie erlebt haben – der eine das Dritte Reich und die Naziherrschaft (zu kämpfen brauchte er wegen des Glasauges allerdings nicht) – der andere ein Leben in Armut und als Spielball von Mächten, denen er sich nicht zu widersetzen wagte, haben die Brüder von einander entfernt.

Ohne Aussicht, in Deutschland wieder Fuß fassen zu können, nimmt Josef mit seinen amerikanischen Bekannten Kontakt auf und geht mit deren Hilfe nach Argentinien, auch hier wieder im Dunst der Nazis. Von dort hofft er, weiter nach Amerika zu kommen. Schließlich landet er in Costa Rica. Hier findet er eine Art neuer Heimat, hier wird er bleiben.

Die Geschichte wird aus verschiedenen zeitlichen Perspektiven erzählt, New York 1939, Neuss 1949 und Costa Rica 1953. Erinnerungen und Gedanken Josefs machen den Zusammenhang der Geschehnisse deutlich. Spannend aufgebaut.

Brigitte Tietzel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.